Der Ferrari F2004 schreit sich jenseits der Marke von 18.000/min die Seele aus dem Leib, also siebte Welle rein, ab durch die Senke bei Eau Rouge und den Berg zu Raidillon wieder hoch. Das letzte Weltmeisterauto von Michael Schumacher, dazu die Strecke von Spa-Francorchamps, das wäre schon an der Playstation und mit dem Controller in der Hand ein großer Spaß.
Was aber, wenn dann noch Kräfte von bis zu einem g am eigenen Körper zerren? Das Lenkrad mit deutlich über 10 Nm in die gewünschte Fahrtrichtung gedreht werden will? Und eine ultraleichte VR-Brille das Erlebnis immersiver werden lässt als jeden Gruselfilm im 4D-Kino? Dann kommt man nicht umhin, den aktuellen Arbeitstag als eines der bisherigen Jahreshighlights anzumarkern.
Weil man sich Schumi und der echten Ardennenachterbahn nie näher gefühlt hat. Ein Gefühl, das vor allem durch die Unmittelbarkeit dieses Simulators entsteht. Und glauben Sie mir, ich habe als ehemaliger Sim-Racer schon so manches virtuelle Cockpit mit entsprechenden Bewegungen geentert. Das hier ist definitiv anders.

Mastermind: Ex-F1-Ingenieur Ash Warne gründete die Firma Dynisma und stattet heute fast die halbe Königsklasse mit Simulatoren aus.
Elf Jahre Formel-1-Erfahrung
Dynisma-Chef Ash Warne sieht mir die Begeisterung jedenfalls deutlich an, als ich aus dem Carbon-Monocoque steige. Ich frage ihn, wie er und seine über 180 Mitarbeiter es hinbekommen, dass sich alles fast genauso anfühlt, als würde man im echten Rennauto sitzen. "Was wir verkaufen, ist geringe Latenz und hohe Bandbreite", formuliert er zunächst kryptisch.
Warne war elf Jahre lang in der Formel 1 tätig, erst bei McLaren und anschließend bei Ferrari. 2017 gründete er dann im stillen Kämmerlein seine eigene Firma. "Ich habe Technologien mit dem Ziel entwickelt, deren Ansprechverhalten zu verbessern." Anders als in der Robotik, wo es nahezu egal ist, wie viele Millisekunden Reaktionszeit oder welchen Widerstand ein Aktuator hat – beispielsweise, um Pakete aus einem Regal zu holen –, war dem Dynisma-Gründer immer klar, dass das gerade in der Hightech-Welt der Formel 1 ganz anders sein muss.
Als ehemaliger Ingenieur in der Königsklasse schaute er sich vor allem Lösungen aus der Fahrwerkstechnik an, um Reibung zu reduzieren, Frequenzen zu erhöhen und damit eben Reaktionszeiten zu verringern. Bald stand der Grundaufbau mit sechs Beinen, Umlenkhebeln und entsprechender Vorspannung respektive Gegengewichten, damit die Stellmotoren möglichst wenig Kraft aufwenden müssen.

Immersion pur: Redakteur Bräutigam tauchte im neuen Dynisma DMG-S mit VR-Unterstützung voll in die digitale Rennwelt ab.
Von der Königsklasse hin zu Kundenteams
Auf Grundlage seiner Entwicklungen entwarf er für Ex-Arbeitgeber Ferrari 2019 deren neuen Formel-1-Simulator. Die "Roten" waren die ersten Kunden für Dynisma, das seither schnell und kontinuierlich wächst. Mittlerweile rüstet man fünf der elf F1-Teams aus, Cadillac kam jüngst noch dazu. Um das schnelle Ansprechverhalten übrigens einmal greifbar zu machen: Während andere Simulator-Hersteller im Bereich von teils deutlich über 20 Millisekunden Reaktionszeit liegen, bewegen die Briten sich bei rund drei bis vier Millisekunden. Und das nicht nur bei den Highend-Simulatoren, sondern auch bei den kleineren Varianten.
Die F1-Spezifikation hört auf den Namen DMG-360XY, wiegt rund sieben Tonnen und kostet je nach Spezialwünschen umgerechnet ungefähr zehn Millionen Euro. Aufgrund der auftretenden Kräfte, bis zu zwölf Grad Neigung und unendlichem Gierwinkel (dank Schleifringen und Glasfaserübertragung) wird dieser fest über Eisenträger im Boden verankert. Außerdem nimmt das Topmodell annähernd 90 m² Fläche ein. Eine Stufe darunter befindet sich der DMG-1, den beispielsweise Teams aus der Sportwagen-WM (WEC, Le Mans), Formel 2 oder Formel E verwenden. Mit rund zwei Tonnen Gewicht und für um die drei Millionen Euro ist aber auch dieser freilich nicht für die breite Masse der Motorsportler gedacht.
Der von uns getestete, neue DMG-S als dritte Stufe richtet sich nun an solvente Kundenteams, beispielsweise aus dem großen GT3-Bereich. Für die Anschaffung des rund eine Tonne schweren Einstiegsmodells müssten diese rund eine Million Euro einplanen. Zum Vergleich: Eine einzige DTM-Saison kostet pro Auto mindestens 1,5 Millionen Euro, die neuesten GT3-Rennautos teilweise schon etwa 800.000 Euro. Natürlich basiert auch der DMG-S auf den Entwicklungen für die Formel 1, das System ist aber deutlich kompakter und passt problemlos in jede größere Werkstatthalle.

Kompakt gebaut: Selbst mit dem Triple-Screen-Setup passt der Einstiegs-Simulator wohl in jede größere Werkstatthalle.
2.000 Berechnungen – pro Sekunde!
Wir dürfen noch einmal einsteigen und geben es uns richtig hart: Porsche 919 Hybrid auf der Nürburgring-Nordschleife. Der LMP1-Bolide ist nicht ganz so schnell wie der F1-Ferrari, doch in Kombination mit dem urigen Eifelkurs entwickelt sich – auf den Spuren von Timo Bernhards Rekordrunde von 2018 – eine ganz eigene Dynamik. Man spürt geradezu, wie sich das Auto bei höheren Geschwindigkeiten an den Boden klebt.
Flugplatz und Schwedenkreuz gehen problemlos voll, mit entsprechender Seitenneigung, Durchschüttel-Effekt auf den Kuppen vor den besagten Stellen sowie Lenkrad-Feedback vor allem auf den Curbs des zuvor durchfahrenen Hatzenbach-Abschnitts. Und übrigens auch mit luftiger Untermalung, denn die im Cockpit verbauten Lüftungsdüsen pusten auf Wunsch umso stärker gegen den Oberkörper, je schneller das Pixel-Rennauto wird.
Nach zwei Runden und gefühlt kurz vorm Schleudertrauma – Dynisma will schließlich zeigen, was das System kann – steige ich aus und bin tief beeindruckt. Jede noch so kleine Bewegung und jeder Quersteher ist so direkt im vielzitierten Popometer zu spüren, dass es nicht wie bei anderen Simulatoren zunächst verwirrt, sondern sofort genau die richtigen Reaktionen an Lenkrad und Pedalen auslöst.

Das Dynisma-Line-up: Hinten der sündteure DMG-360XY für die Formel 1, vorne links der DMG-1, vorn rechts der gerade enthüllte DMG-S.
"Demokratisierung" von F1-Technik?
Neben der geringen Reibung ist die entsprechende Rechenpower im Hintergrund ein weiterer Faktor für die Mini-Latenzen. Neben dem eigentlichen "Spiel-PC" gibt es einen weiteren Computer, der 2.000 Mal pro Sekunde (sic!) die Informationen berechnet und entsprechende Signale an die Hardware weitergibt. Schade, dass diese Technik wohl ansonsten Profi-Rennfahrern vorbehalten bleiben wird.
Oder etwa nicht? "Seit ich angefangen habe, hatte ich die Vision, diese Technologie zu demokratisieren", sagt Ash Warne. "Wir haben mit der Formel 1 angefangen und jetzt rüsten wir schon Kundenteams aus. Wir wollen unsere Technologie auch weiteren Gruppen zugänglich machen, dabei aber keine Abstriche bei der Qualität der Bewegungen machen. Die Kosten werden jedoch mit der Zeit immer weiter sinken."
Momentan seien die Dynisma-Simulatoren eben neben dem reinen Fahrer-Training vor allem Engineering-Tools, was in Zeiten steigender Kosten und stärkerer Testbeschränkungen (wieder Beispiel DTM: fünf Tage pro Jahr) immer wichtiger wird. Für alle ist das F1-Feeling also auch mit dem DMG-S noch nicht in greifbarer Nähe, aber zumindest ist die Zielgruppe jetzt schon mächtig angewachsen.












