Mercedes-AMG hatte die Nordschleife am Freitagnachmittag, 21.8.2026, exklusiv für sich gebucht. Warum das Unternehmen die gesamte Strecke benötigte, war vorher nicht bekannt. Das Wetter passte, die Fahrbahn war trocken und die Marshalls standen auf ihren Positionen. AMG rückte mit mehreren bereits bekannten Fahrzeugen an. Zunächst sah alles nach einem gewöhnlichen Testtag aus.
Dann verließ ein bronzefarbener Mercedes- AMG GT 63 die Box. Auf dem Dach waren drei weiße Aufbauten montiert, bei denen es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um GNSS-Antennen handelt. Der Sportwagen fuhr sehr langsam am äußersten rechten Rand der Nordschleife entlang und kehrte nach etwa 25 Minuten zurück. Anschließend folgte eine weitere Runde auf der linken Seite, die ebenfalls rund 25 Minuten dauerte.
Der GT 63 vermisst beide Seiten der Strecke
Mit diesen beiden Fahrten dürfte AMG den gesamten Fahrbahnkorridor erfasst haben. Die Antennen können die Position des Autos mit entsprechenden Korrekturdaten bis in den Zentimeterbereich bestimmen. Dabei lassen sich auch Fahrtrichtung und Bewegungen des Fahrzeugs aufzeichnen. Asphaltkanten, Curbs und die verfügbare Breite der Strecke können so in einer digitalen Karte hinterlegt werden.
Zunächst lag die Vermutung nahe, AMG könnte die Nordschleife lediglich vermessen, um ihr Profil später auf einem Prüfstand oder in einer Simulation nachzubilden. Doch nach einer Pause von etwa 15 bis 20 Minuten fuhr derselbe GT 63 erneut aus der Box. Dieses Mal folgte das Fahrzeug nicht mehr dem Fahrbahnrand, sondern einer Linie über die Strecke.
Der Fahrer hielt seine Hände lediglich in der Nähe des Lenkrads und griff während der beobachteten Runde nicht erkennbar ein. Auch die vorsichtige Linienwahl, die Bremspunkte und die zurückhaltende Beschleunigung deuteten darauf hin, dass der GT 63 selbst lenkte, bremste und beschleunigte. Eine Steuerung von außen war nicht zu erkennen. Der Mann im Auto dürfte als Sicherheitsfahrer mitgefahren sein, um bei einem Fehler sofort übernehmen zu können.
Die zweite Runde wird deutlich schneller
Für die erste automatisierte Runde benötigte der AMG knapp 20 Minuten. Danach kehrte er an die Box zurück, wo das Team erneut etwa 15 bis 20 Minuten am Fahrzeug arbeitete. Ob dabei die Software verändert oder lediglich die Daten der ersten Runde ausgewertet wurden, ließ sich von außen nicht feststellen.
Bei der zweiten Fahrt war der GT 63 bereits mehrere Minuten schneller. Auch diese Runde absolvierte er ohne erkennbaren Zwischenfall. Danach beendete AMG die Versuche. Die Geschwindigkeit blieb allerdings weit von einer üblichen schnellen Nordschleifenrunde entfernt.
Der Ablauf spricht für eine schrittweise Erprobung. Bei der ersten Runde konnte AMG prüfen, ob das Auto innerhalb der zuvor vermessenen Fahrbahngrenzen blieb und die hinterlegten Brems- und Beschleunigungspunkte zuverlässig traf. Nachdem das funktionierte, ließ sich das Tempo für den zweiten Versuch erhöhen.
Was ist GNSS? GNSS ist der Oberbegriff für satellitengestützte Navigationssysteme wie GPS, Galileo, GLONASS und BeiDou. Über entsprechende Antennen lässt sich die Position eines Fahrzeugs bestimmen. Mit zusätzlichen RTK-Korrekturdaten steigt die Genauigkeit von mehreren Metern auf wenige Zentimeter. Bei Versuchsfahrten können damit auch Geschwindigkeit, Fahrtrichtung und Bewegungen des Autos präzise erfasst werden.
Die weißen Aufbauten sind wahrscheinlich GNSS-Antennen
Bei den drei Geräten auf dem Dach dürfte es sich nicht um LiDAR-Sensoren handeln. Dafür fehlen die typischen optischen Fenster, über die Laserimpulse ausgesendet und wieder empfangen werden. Die flachen weißen Gehäuse entsprechen eher der Bauform externer GNSS-Antennen, wie sie bei Fahrdynamikmessungen und automatisierten Versuchsfahrten verwendet werden.
Zwei räumlich voneinander entfernte Antennen können neben der Position auch die Ausrichtung und den Gierwinkel des Fahrzeugs erfassen. Die dritte Einheit könnte eine weitere GNSS-Antenne sein oder Korrektur- und Telemetriedaten übertragen. Vergleichbare Systeme werden unter anderem von GeneSys und Racelogic angeboten. Welches System AMG verwendet hat, ist anhand der Fotos nicht festzustellen.
Die Antennen allein machen aus dem GT 63 allerdings kein autonomes Auto. Sie liefern vor allem die genaue Position auf der Strecke. Die Fahrbefehle muss eine zusätzliche Software berechnen und an Lenkung, Bremsen und Antrieb weitergeben. Ob der AMG seine Linie selbstständig bestimmte oder lediglich einer vorher programmierten Spur folgte, bleibt offen.
Bereitet AMG einen Angriff auf Xiaomi vor?
Der Zeitpunkt der Fahrten fällt mit der Einführung einer neuen Rekordkategorie auf der Nordschleife zusammen. Seit Juni 2026 führt der Nürburgring eine eigene Klasse für autonom fahrende Autos. Den ersten Eintrag sicherte sich der Xiaomi YU7 GT mit Track Package.
Der elektrische SUV absolvierte die 20,832 Kilometer lange Strecke am 8.6.2026 in 10:29,483 Minuten. Während der offiziell gemessenen Runde befand sich kein Mensch im Auto. Damit war der Xiaomi das erste Fahrzeug, das die Nordschleife vollständig ohne Fahrer umrundete.
Von dieser Zeit war der AMG bei seinen beiden Fahrten noch deutlich entfernt. Wegen des Sicherheitsfahrers wären die Versuche ohnehin nicht als autonome Rekordrunden gewertet worden. Die vorherige Vermessung, das langsame Herantasten und die schnellere zweite Runde könnten jedoch die Vorbereitung auf einen späteren Versuch ohne Menschen an Bord gewesen sein.
Auch ein Fahrroboter kommt infrage
Denkbar ist ebenso, dass AMG einen Fahrroboter für die Fahrzeugerprobung testet. Ein solches System kann eine festgelegte Runde unter nahezu identischen Bedingungen wiederholen. Reifen, Fahrwerk, Bremsen oder Antrieb lassen sich dadurch vergleichen, ohne dass unterschiedliche Fahrstile die Messwerte beeinflussen.
Mercedes-Benz setzt automatisiert fahrende Versuchsträger bereits auf dem Testgelände in Immendingen ein. Dort übernehmen sie unter anderem wiederkehrende Dauerläufe. Die Nordschleife wäre der nächste deutlich anspruchsvollere Schritt. Kuppen, Senken, wechselnde Radien und große Höhenunterschiede stellen höhere Anforderungen an Positionsbestimmung und Fahrzeugsteuerung.
Dass aus dem Versuch eine autonome Serienfunktion für den AMG GT 63 entsteht, ist dagegen eher unwahrscheinlich. Der Sportwagen könnte lediglich als Versuchsträger dienen, weil sich Lenkung, Bremsen und Antrieb elektronisch ansteuern lassen. Möglich wäre auch eine technische Demonstration, bei der AMG die Fähigkeiten des Systems unter schwierigen Bedingungen zeigen will.












