Tesla Tyson Jopson

Verlockend oder gefährlich?

Elon Musk kündigt Lizenzerteilungen an

Tesla-Chef Elon Musk möchte Software-Lizenzen vergeben sowie Antriebe und Batterien an andere Unternehmen verkaufen. Der offizielle Grund ist ein Lacher. Das Angebot ist trotzdem verlockend – und gefährlich.

Software und Autos, das ist für die klassische Autoindustrie ein kompliziertes Thema. Nicht ohne Grund hatte VW bis zum Verkaufsstart des ID.3 mit enormen Software-Problemen zu kämpfen. Einige Funktionen sind bis heute nicht fertig und kommen später per Update in die bereits verkauften ID.3. Tesla ist in Sachen Software erheblich weiter – die Entwickler und Programmierer des amerikanischen Elektroautoherstellers haben von Anfang an auf eine zentrale Recheneinheit (irreführend FSD für Full Self Driving genannt) gesetzt, auf der ausschließlich Teslas eigenes Betriebssystem läuft. In den Autos anderer Hersteller arbeiten hingegen oft zahlreiche, nur marginal vernetzte, Steuergeräte. Tesla-Chef Elon Musk hat jetzt die Möglichkeit angekündigt, dass andere Unternehmen die Tesla-Software per Lizenz erwerben und nutzen können, gleiches gilt für die Antriebsstränge.

Tesla, Tweet Elon Musk, Lizenzvergabe
Twitter
Per Twitter kündigt Tesla-Chef Elon Musk die Vergabe von Lizenzen auf Software, Antriebe und Batterien an.

Witzige Begründung

Als Grund für die Lizenz-Möglichkeiten betont Musk, dass Teslas Ziel nicht die Zerstörung seiner Konkurrenten sei, sondern die Förderung nachhaltiger Energien. Soviel Selbstlosigkeit trauen dem wettbewerbssüchtigen Musk allerdings höchstens seine vorbehaltlosesten Fans zu – Tesla-Skeptiker nennen diese Fans bösartig Teslemminge.

Längst ist in der Autoindustrie ein Kampf der Betriebssysteme entbrannt. Einige Hersteller setzen auf eigene Lösungen, andere sehen sich bei Google und möglicherweise auch bei Apple und Microsoft um. Gewinnen könnte am Ende das am weitesten verbreitetste System – so wie Microsoft mit Windows nach und nach den Betriebssystemmarkt ab den 1990er-Jahren dominierte. Eine höhere Verbreitung bedeutet mehr Nutzer und, damit verbunden, mehr Ressourcen für Personal, Forschung und Entwicklung. Das macht wiederum das Betriebssystem günstiger, leistungsfähiger und somit für Kunden attraktiver. In diesem Freistrampel-Prozess hat Tesla gute Karten – kein anderer Autohersteller ist aktuell für sein gut funktionierendes Betriebssystem bekannt. Allerdings hat Teslas Software auch eine dunkle Seite.

Tesla Eroberungen
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Tesla möchte Software und Antriebsstränge an andere Autohersteller per Lizenz verkaufen - und so seinen Einfluss auf dem Automobilmarkt signifikant erhöhen.

Musk will auch Ex-Autopilot verkaufen

Auf die Frage von Fans bei Twitter, ob Musk auch das Fahrassistenz-Paket, dass in Deutschland nach einem Gerichtsbeschluss nicht mehr Autopilot heißen darf, verkaufen will, bestätigt er dies. Glaubt man Musks Schwärmereien, ist mit dem Assistenzpaket beinahe schon jetzt vollautonomes Fahren möglich – eine Behauptung, die kaum weiter von der Realität entfernt sein könnte.

Die Technik hat bereits mehrfach fatal versagt, Unfälle mit Todesopfern waren die Folge. Am 14. Juli 2020 verbot die auf Marken- und Wettbewerbsrecht spezialisierten 33. Zivilkammer des Landgerichts München I Tesla die Verwendung des Begriffs "Autopilot", weil die Formulierung beim Durchschnittsverbraucher eine Erwartung wecke, die Tesla nicht erfüllen kann. Allerdings kann Tesla gegen das Urteil noch Rechtsmittel einlegen. Da das Assistenzpaket aber auch bei Tests oft unterdurchschnittlich abschneidet und selbst unter Teslafahrern höchst umstritten ist, dürften andere Hersteller ein eher gedämpftes Interesse an diesem Teil von Teslas Software haben.

Tesla
Tesla
Die Batterien von Tesla gehören nach wie vor zu den besten Stromspeichern, die die Autoindustrie zu bieten hat.

Antriebsstränge sollten von Anfang an Geld bringen

Beim Angebot, auch Tesla-Antriebsstränge per Lizenz zu verkaufen, kehrt Tesla zu einer seiner Ursprungsideen zurück: Im Rahmen der deutschen Fahrvorstellung des Tesla Roadster im Jahr 2008 freuten sich Tesla-Verantwortliche, dass man den modernen Elektroantrieb gerne an andere Autohersteller verkaufen und somit ordentliches Geld verdienen möchte. Entweder, Tesla hat diese Idee seinerzeit nicht mehr nachdrücklich verfolgt, oder, andere Hersteller waren nicht interessiert. So gab es nur eine Handvoll privater Enthusiasten, die beispielsweise Modelle von Audi mit Tesla-Antriebstechnik ausrüsteten.

In Sachen Akkutechnik und effizienter Leistungselektronik gilt Tesla als exzellent – da hat der Hersteller tatsächlich einen jahrelangen Vorsprung. Es kann also gut sein, dass der ein oder andere Autohersteller, der bisher wenig in die Forschung an elektrischen Antriebssträngen investiert hat (oder investieren konnte), die Abkürzung über einen Lizenzkauf nimmt.

Umfrage

283 Mal abgestimmt
Sollten Autohersteller Tesla-Technik kaufen, oder diese Technik lieber selber entwickeln?
Klar, damit bekommen die Hersteller top Technik, ohne selbst forschen zu müssen.
Nein, aus dieser Abhängigkeit kämen die Hersteller nie wieder raus.

Fazit

Tesla verkauft im Vergleich zu den großen Autoherstellern nach wie vor eher wenig Fahrzeuge. Aber der amerikanische Elektroautohersteller baut eine Fabrik nach der anderen und bleibt unbeirrbar auf seinem druckvollen Wachstumskurs. Mit dem Angebot, Software zu lizenzieren und Antriebsstränge zu verkaufen, möchte Tesla-Chef Elon Musk Geld verdienen, Teslas Einfluss auf dem Fahrzeugmarkt signifikant erhöhen und andere Hersteller dominieren. Seine Behauptung, die Lizenzen zu vergeben, um das Wachstum nachhaltiger Energien zu beschleunigen, darf getrost als Treppenwitz oder zumindest Beifang durchgehen.

Das Angebot könnte aber insbesondere für Autohersteller interessant sein, die in Sachen Elektromobilität noch weiter hinterherhinken als die Mehrheit der Marken. Tesla hat Antriebsstränge mit den branchenbesten Akkus und der ebenfalls branchenbesten Steuerung im Angebot – so könnte für interessierte Hersteller bei einem Lizenzkauf der alte DDR-Spruch "Überholen ohne Einzuholen" funktionieren. Um das unter dem Namen "Autopilot" in Verruf geratene Fahrassistenzsystem-Paket dürften die meisten potenziellen Kunden allerdings einen großen Bogen machen.

Nachteil eines Zukaufes von fremder Technik wäre eine starke Abhängigkeit von Tesla als Zulieferer und damit verbunden, das Aufgeben von Hoheit über Forschung und Entwicklung an den wichtigsten Fahrzeugkomponenten der Zukunft. Daraus gäbe es wahrscheinlich kein Zurück mehr.

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