10/2020, SSC Tuatara Topspeed Rekord SSC North America
09/2019, Bugatti Chiron 300 mph
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09/2019, Bugatti Chiron 300 mph 35 Bilder

Alles zum Highspeed-Rekordversuch des SSC Tuatara

Fuhr der Tuatara doch nicht über 500 km/h? SSC will Rekordversuch wiederholen

Vor wenigen Tagen hieß es: Der SSC Tuatara hat in Nevada einen sensationellen Bestwert aufgestellt: 509 km/h. Doch nun gibt es Zweifel an dieser Geschichte. Der Firmenchef ringt um Erklärungen und will den Rekordversuch wiederholen.

Der 4. November 2017 war ein großer Tag für Koenigsegg. Da stellte ein Agera RS auf einer Straße im US-Bundestaat Nevada einen neuen Geschwindigkeits-Rekord für Serienautos auf: 457,2 km/h bzw. 277,9 mph schaffte der 1.176 PS starke Schwede damals. In der absoluten Spitze fuhr er gar 457,9 km/h schnell. Weil beim Rekordversuch allerdings in beide Richtungen gefahren werden muss und die gemittelte Geschwindigkeit gewertet wird, liegt das offizielle Tempo etwas niedriger. Außerdem muss die Rekordfahrt auf Straßenreifen, mit regulär erhältlichem Kraftstoff und auf öffentlichen Straßen absolviert werden.

SSC Tuatara fährt 509 km/h – oder doch nicht?

Anfang Oktober 2020 war dieselbe Straße wie einst bei Koenigsegg Schauplatz der nächsten – vermeintlichen – Rekordfahrt, diesmal unternommen von Shelby Supercars (SSC). Unter großem Aufwand und starken Sicherheitsvorkehrungen soll das Modell Tuatara (hier lesen Sie mehr zu diesem Auto) schneller als der Koenigsegg gefahren sein, und zwar deutlich. Wie SSC einige Tage später bekanntgab, erreichte Fahrer Oliver Webb mit dem Tuatara einen Rekord von 316,11 mph (508,73 km/h). Dies ist der offizielle Wert; in der Spitze soll Webb sogar 331,15 mph (532,93 km/h) schnell gefahren sein. Schon bei seinem ersten Versuch soll er 301,07 mph (484,53 km/h) geschafft haben, was nicht nur bereits den neuen Rekord bedeutet hätte, sondern auch den Durchbruch durch die magische 300-mph-Barriere.

Doch wozu all die Formulierungen im Konjunktiv? Weil es nun erhebliche Zweifel daran gibt, ob der SSC Tuatara tatsächlich so schnell war wie behauptet. Einige mathematisch bewanderte Zeitgenossen haben nämlich das zur Rekordfahrt veröffentlichte (und über diesem Absatz gezeigte) Video seziert und sind dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass das Hypercar auf den Bildern keineswegs die kommunizierten Geschwindigkeiten erreicht haben kann. Die Zeit, in denen der Tuatara markante Wegpunkte erreicht, passe nicht zu den eingeblendeten Telemetriedaten. Als Beleg für diese These zogen die Zweifler das Videomaterial der erwähnten Koenigsegg-Rekordfahrt heran. Außerdem sollen Webbs Schaltvorgänge sowie die Tachoanzeige nicht zu den angezeigten Geschwindigkeiten passen.

Erst Zweifel am Video – und dann an der Rekordfahrt

SSC North America entgegnete den Bedenken – kurz zusammengefasst – in einer ersten Stellungnahme wie folgt: Der Rekord sei erreicht worden, das Video sei fehlerhaft. Statt einen Film zu veröffentlichen, der einzig die Cockpit-Perspektive samt Telemetriedaten als Beweis der Rekordfahrt zeigt, habe die Video-Produktionsfirma einen Clip zusammengeschnitten, in dem auch Onboard-Material eines langsameren Durchlaufs verwendet wurde. Der erst im Nachhinein erkannte Fehler liege bei der Film- und Schnitt-Crew und der eigenen PR-Abteilung, die das Video nicht gründlich genug überprüft habe.

Um die Gangwechsel-These zu entkräften, veröffentlichte SSC zudem die Getriebe-Übersetzung des Tuatara. Und auch gleich noch die Reifendrücke und die Wetterbedingungen beim Rekordversuch sowie eine Erklärung, dass der Tacho maximal 301 mph anzeigen könne und bei derartigen Geschwindigkeiten sowieso stark vom tatsächlichen Tempo abweiche. Firmenchef Jerod Shelby sagte außerdem, dass zwei unabhängige Zeugen vor Ort gewesen seien. Zudem habe das Unternehmen Dewetron am 22. Oktober 2020 bestätigt, dass ihre beim Rekordversuch verwendete, nach Militär-Standards konstruierte Messtechnik korrekt funktioniert habe. Alles in allem habe man genug Beweise, um den Geschwindigkeitsrekord vom Guinness-Komitee offiziell anerkennen zu lassen, hieß es noch am vergangenen Donnerstag (29. Oktober 2020).

10/2020, SSC Tuatara Topspeed Rekord
SSC North America
Fuhr der SSC Tuatara wirklich so schnell wie behauptet? Daran gibt es inzwischen erhebliche Zweifel.

Bisher keine Bestätigung der Rekordfahrt

Allerdings distanzierte sich die österreichische Firma danach von Shelbys Aussagen. Die US-Auto-Website Jalopnik zitiert aus einer Mitteilung der Österreicher, nach der sie beim Rekordversuch keinen Mitarbeiter vor Ort in Nevada gehabt und auch auch keine Messdatei erhalten hätten. "Wir sind nicht in der Lage, die Genauigkeit oder Richtigkeit des Ergebnisses zu garantieren", sagt Dewetron, weshalb man keine Testergebnisse genehmige oder validiere.

So sieht es inzwischen offensichtlich auch SSC selbst. Jerod Shelby wandte sich am 30. Oktober 2020 in einem Youtube-Video an alle Zweifler und konstatierte darin, dass er und seine Mitstreiter selbst nicht mehr sicher sagen können, ob der Rekord wirklich erreicht wurde oder nicht. Nachdem sie einige Videodateien der Rekordfahrt gesichtet hatten, beschlichen sie dieselben Zweifel. "Wir sahen verschiedene Geschwindigkeiten bei ein und demselben Versuch", sagt Shelby. "Je mehr wir das analysierten, umso größer wurden unsere Bedenken in Bezug auf den Zusammenhang zwischen dem Video und den GPS-Daten."

Wiederholung auf "unbestreitbare und unwiderlegbare" Weise

Shelby sagt in dem Video nicht, ob die Messtechnik grundsätzlich nicht funktioniert habe oder seine Leute diese nicht korrekt eingebaut und bedient hätten. Doch losgelöst davon gibt er zu: "Egal, was wir tun würden, es bliebe immer derselbe Makel daran. Deshalb müssen wir den Rekordversuch wiederholen." Das soll schon in naher Zukunft geschehen und auf eine "unbestreitbare und unwiderlegbare" Weise. SSC will das GPS-Equipment verschiedener Ausrüster verwenden und deren Mitarbeiter sollen vor Ort sicherstellen, dass alles korrekt abläuft.

Die Wiederholung des Rekordlaufs ist der Versuch von Shelby, das bereits erlittene PR-Desaster in Grenzen zu halten. Und damit nicht nur die Reputation seiner Firma SSC zu schützen, sondern auch den Erfolg seines Prestige-Produkts. Shelby traut dem Tuatara, dessen Twin-Turbo-V8 mit 5,9 Litern Hubraum 1.774 PS leistet, weiterhin den Rekord zu und will vor den Augen der Welt beweisen, dass er so schnell ist wie behauptet.

Der Bugatti Chiron hat schon 300 mph geschafft

Bis das gelungen ist, bleiben zwei andere Serienautos die einzigen, welche die 300-mph-Marke geknackt haben. Im Herbst 2019 fuhr Bugatti-Testfahrer Andy Wallace auf Volkswagens Teststrecke in Ehra-Lessien in einem modifizierten Chiron – Bugatti spricht von einem "seriennahen Prototypen" – 304,773 mph schnell. Bedeutet nach metrischem System: 490,5 km/h. "Wir sind überglücklich, als erster Hersteller überhaupt die Geschwindigkeit von mehr als 300 Meilen pro Stunde erreicht zu haben", sagt Bugatti-Chef Stephan Winkelmann damals.

Der Chiron wiederum war auch nicht das allererste Auto, das schneller als 300 mph fuhr. Das gelang im März dem Tuner M2K Motorsports, der mit einem aufgemotzten 2006er Ford GT 300,4 mph (483,4 km/h) erreichte, kurz bevor der Fahrer dessen Bremsfallschirm auslöste. Wie viel Leistung man dafür braucht? Schwer zu sagen. M2K Motorsports weiß selbst nicht genau, wie viel Power der ursprüngliche, wenn auch heftig getunte 5,4-Liter-V8 des Ford GT hat. Es gibt schlicht keinen Prüfstand, der für so viel Leistung ausgelegt ist. Bei früheren Messungen soll der Motor 2.063 PS erreicht haben, aktuell geht M2K Motorsports von deutlich mehr als 2.500 PS aus. Um das aus dem Ford-GT-Motor herauszuquetschen, verwenden die Texaner zwei Turbolader, die bis zu 3,1 bar Ladedruck aufbauen.

Auch Hennessey macht beim Highspeed-Wettstreit mit

Bugatti, M2K Motorsports und jetzt – vorbehaltlich einer offiziellen Bestätigung – SSC sind einigen namhaften 300-mph-Jägern in die Quere gekommen. Einer von ihnen ist Hennessey. Firmenchef John Hennessey hat seinen neuen Venom F5 dazu auserkoren, die Schallmauer zu durchbrechen. Klar ist, dass für das Vorhaben schiere Motor-Power nötig ist. Im Fall des Venom F5 soll diese ein 7,6-Liter-Twinturbo-V8 gewährleisten.

Hennessey
Mit dem Venom F5 will Hennessey die 300-mph-Marke knacken.

Das 1.622-PS-Kraftwerk steckt nicht mehr in einem Lotus-Chassis, wie sie ältere Venom-Generationen nutzten, sondern in einer Eigenkonstruktion. Und es soll für den 300 mph-Versuch weiter erstarken; auf dem Prüfstand brachte es wohl schon über 2.000 PS. "Wir werden diese Leitung nicht an die Kunden ausliefern. Aber wir werden so viel aus dem Motor herausholen, wie wir brauchen, um 300 mph zu erreichen", sagte der Texaner den britischen Kollegen von "Top Gear". Zudem soll der F5 windschnittiger geworden sein, schließlich strebt John Hennessey nach Höherem: "300 Meilen pro Stunde sind nur so etwas wie die Grundlinie. Das Ziel ist, so schnell zu fahren wie wir können."

Koenigsegg greift mit dem Jesko an

Koenigsegg dürfte sich das Treiben von Bugatti und den Amerikanern nicht lange tatenlos ansehen. Gründer Christian von Koenigsegg hielt den Agera RS bereits für fähig, die 300-mph-Marke zu brechen. Nun hat er den neuen Jesko zur Verfügung, der bei Simulationen bereits schnell genug fuhr. Allerdings fürchtet Koenigsegg die unkontrollierbaren Aspekte eines solchen Vorhabens, Dinge wie Wind, Tiere, Bodenwellen. "Es ist machbar, aber nicht unser vorrangiges Ziel."

03/2020, Koenigsegg Jesko Absolut
Koenigsegg
Koenigsegg will mit dem auf maximalen Topspeed optimierten Jesko Absolut die nächste Bestmarke aufstellen.

Ein anderer limitierender Faktor sind die Reifen. Michelin scheint bisher als einziger Hersteller in der Lage zu sein, die passenden Gummis für derlei Geschwindigkeitsrekorde backen zu können. Aber auch die Franzosen haben so ihre Bedenken, was die 300-mph-Marke angeht. Alles steht und fällt damit, wie lange ein Auto braucht, um diesen Speed zu erreichen: "Falls das Auto zwar schnell 270 Meilen pro Stunde erreicht, aber weitere fünf Minuten bis 300 braucht, dann wird es nicht funktionieren", sagt Michelin-Produktmanager Eric Schmedding im Gespräch mit "The Drive". Das Problem: Je länger ein Reifen bei diesem Speed rotiert, desto heißer wird er. Das bedeutet extremen Stress für den Pneu – mit bislang unabsehbaren Folgen. John Hennessey glaubt allerdings, das Reifenthema im Griff zu haben. Sein Auto sei schließlich leicht und windschlüpfig genug.

Top 13 Schnellste Autos der Welt

Platz Modell Topspeed in mph Topspeed in km/h
1 Bugatti Chiron (Vorserienauto Super Sport 300+; inoffiziell) 304,773 490,484
2 M2K Motorsports Ford GT (inoffiziell) 300,4 483,4
3 Koenigsegg Agera RS 277,9 457,2
4 Hennessey Venom GT 270,4 435
5 Bugatti Veyron Super Sport 268 431
6 Hennessey Venom GT Spyder 265,6 427,4
7 Bugatti Chiron 261 420
8 SSC Ultimate Aero 256 412
9 Bugatti Veyron EB 16.4 253,8 408
10 Saleen S7 Twin Turbo 248 399
11 Koenigsegg CCR 242 389
12 McLaren F1 241 388
13 Pagani Huayra BC 238 383

Fazit

Nachdem es lange ruhig war rund um den Topspeed-Rekord für Serienautos, kam mit Bugattis 300 mph-Fahrt im Herbst 2019 plötzlich Bewegung in das Thema. Mit dem vorläufigen Höhepunkt, dass bis vor Kurzem SSC mit dem Tuatara den offiziellen Rekord für sich reklamierte. Aufgrund der dabei aufgetretenen Ungereimtheiten muss der Rekordversuch aber wohl wiederholt werden – und die Autowelt noch länger warten, bis sie, möglicherweise, einem neuen Geschwindigkeits-Rekordhalter endgültig huldigen kann.

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