01/2021, SSC Tuatara Topspeed Rekord Nr. 2 SSC North America
09/2019, Bugatti Chiron 300 mph
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09/2019, Bugatti Chiron 300 mph 38 Bilder

Alles zum Highspeed-Rekordversuch des SSC Tuatara

SSC Tuatara - schnellstes Serienauto der Welt Neuer Rekordhalter - und doch gescheitert

Im zweiten Anlauf hat es geklappt: Der SSC Tuatara darf sich "schnellstes Serienauto der Welt" nennen – zumindest halboffiziell. Der ganz große Erfolg, nämlich die 300-mph-Marke zu übertreffen, blieb jedoch aus.

Das Highspeed-Drama um den SSC Tuatara hat die Autowelt im vergangenen Herbst in Aufruhr versetzt. Hier die Geschichte in Kurzform: Der Kleinserien-Hersteller SSC North America beanspruchte einen neuen Geschwindigkeitsrekord für Serienautos für sich und verbreitete seinen vermeintlichen Erfolg groß in den Medien. Woraufhin einige mathematisch bewanderte Zeitgenossen das zur Rekordfahrt veröffentlichte Video seziert haben und dabei zu dem Ergebnis gekommen sind: Das Hypercar kann keineswegs die kommunizierten Geschwindigkeiten erreicht haben.

Highspeed-Rekord mit 282,9 mph (455,3 km/h)

Firmengründer und -chef Jerod Shelby verteidigte sich zuerst und erklärte die Sache damit, dass die Filmfirma fehlerhaft gearbeitet hatte. Außerdem habe der beauftragte Messgeräte-Hersteller die erreichten Tempi bestätigt. Als SSC den Rekordversuch jedoch noch einmal eingehender checkte, fiel auch Shelbys Mitarbeitern auf, dass hier etwas nicht stimmen kann. Der Firmenchef entschuldigte sich daraufhin und kündigte an, den Rekordversuch wiederholen zu wollen. Genau das ist nun passiert, allerdings gelang der amerikanischen Truppe nur ein Teilerfolg.

Schauplatz der Rekordfahrt war diesmal nicht eine öffentliche Straße in der Wüste Nevadas, sondern die Johnny Bohmer Proving Grounds auf dem Kennedy Space Center in Florida. Hier erreichte der SSC Tuatara in Südrichtung 286,1 mph (460,4 km/h), nach Norden waren es 279,7 mph (450,1 km/h). Gewertet wird der Schnitt aus beiden Läufen; der neue Rekordwert sind demnach 282,9 mph (455,3 km/h). Die Firma Racelogic, die den Wert bestätigte, stellte die Messgeräte zur Verfügung. Vom Guinness-Weltrekord-Komitee wurde die Bestmarke bislang jedoch noch nicht bestätigt.

Die 300-mph-Marke klar verfehlt

Der neue Topspeed-Rekord dürfte die SSC-Mannschaft aber noch aus einem anderen Grund nicht komplett zufriedenstellen: Zur ursprünglich anvisierten 300-mph-Marke (482,8 km/h) hielt der Tuatara, der von einem 1.774 PS starken Twin-Turbo-V8 mit 5,9 Litern Hubraum angetrieben wird, einen gehörigen Respektabstand. Beim ersten Rekordversuch glaubten die Amerikaner, die Hürde übersprungen zu haben, und zwar deutlich: Es hieß, Fahrer Oliver Webb sei in der Spitze 331,15 mph (532,93 km/h) und im Mittel 316,11 mph (508,73 km/h) gefahren. Wie wir heute wissen, war dies nicht der Fall.

01/2021, SSC Tuatara Topspeed Rekord Nr. 2
SSC North America
Mit einem Wert von 282,9 mph (455,3 km/h) soll der SSC Tuatara nun tatsächlich das schnellste Serienauto der Welt sein.

Sobald der SSC Tuatara tatsächlich im Guinness-Buch der Weltrekorde steht (was fraglich ist, da die Geschwindigkeit nicht auf einer öffentlichen Straße erreicht wurde), löst er den Koenigsegg Agera RS ab. Das schwedische Hypercar stellte bereits im November 2017 auf jener Straße in Nevada, die auch SSC für seinen ersten Rekordversuch nutzte, den damaligen Geschwindigkeits-Rekord für Serienautos auf: 447,2 km/h bzw. 277,9 mph schaffte der 1.176 PS starke Schwede damals. In der absoluten Spitze fuhr er 457,9 km/h schnell. Seinerzeit gab es keine Zweifel daran, dass der Agera RS tatsächlich so schnell fuhr: Er trat mit Straßenreifen an, fuhr mit regulär erhältlichem Kraftstoff und absolvierte die Fahrt auf öffentlichen Straßen.

Der Bugatti Chiron hat schon 300 mph geschafft

Bisher gibt es erst zwei straßenzugelassene Autos, welche die 300-mph-Marke geknackt haben sollen. Im Herbst 2019 fuhr Bugatti-Testfahrer Andy Wallace auf Volkswagens Teststrecke in Ehra-Lessien in einem modifizierten Chiron – Bugatti spricht von einem "seriennahen Prototypen" – 304,773 mph schnell. Bedeutet nach metrischem System: 490,5 km/h. "Wir sind überglücklich, als erster Hersteller überhaupt die Geschwindigkeit von mehr als 300 Meilen pro Stunde erreicht zu haben", sagt Bugatti-Chef Stephan Winkelmann damals.

Der Chiron wiederum war auch nicht das allererste Auto, das schneller als 300 mph fuhr. Das gelang – so denn dabei die Messtechnik korrekt funktionierte – im März 2019 dem Tuner M2K Motorsports, der mit einem aufgemotzten 2006er Ford GT 300,4 mph (483,4 km/h) erreichte, kurz bevor der Fahrer dessen Bremsfallschirm auslöste. Wie viel Leistung die Truppe dafür brauchte? Schwer zu sagen. M2K Motorsports weiß selbst nicht genau, wie viel Power der ursprüngliche, wenn auch heftig getunte 5,4-Liter-V8 des Ford GT hat. Es gibt schlicht keinen Prüfstand, der für so viel Leistung ausgelegt ist. Bei früheren Messungen soll der Motor 2.063 PS erreicht haben, aktuell geht M2K Motorsports von deutlich mehr als 2.500 PS aus. Um das aus dem Ford-GT-Motor herauszuquetschen, verwenden die Texaner zwei Turbolader, die bis zu 3,1 bar Ladedruck aufbauen.

Auch Hennessey macht beim Highspeed-Wettstreit mit

Bugatti und M2K Motorsports sind einigen namhaften 300-mph-Jägern in die Quere gekommen. Einer von ihnen ist Hennessey. Firmenchef John Hennessey hat seinen neuen Venom F5 dazu auserkoren, die Schallmauer zu durchbrechen. Klar ist, dass für das Vorhaben schiere Motor-Power nötig ist. Im Fall des Venom F5 soll diese ein 6,6-Liter-Twin-Turbo-V8 gewährleisten.

12/2020, Hennessey Venom F5 Serienversion
Hennessey Performance
Mit dem Venom F5 will Hennessey die 300-mph-Marke knacken.

Das 1.842-PS-Kraftwerk steckt nicht mehr in einem Lotus-Chassis, wie sie ältere Venom-Generationen nutzten, sondern in einer Eigenkonstruktion. "Wir werden so viel aus dem Motor herausholen, wie wir brauchen, um 300 mph zu erreichen", sagte Firmengründer John Hennessey den britischen Kollegen von "Top Gear". Zudem soll der F5 windschnittiger geworden sein, schließlich strebt der Texaner nach Höherem: Als Höchstgeschwindigkeit gibt Hennessey für den Venom F5 gar 311 mph (500,5 km/h) an.

Koenigsegg greift mit dem Jesko an

Koenigsegg dürfte sich das Treiben von Bugatti und den Amerikanern nicht lange tatenlos ansehen. Gründer Christian von Koenigsegg hielt den Agera RS bereits für fähig, die 300-mph-Marke zu brechen. Nun hat er den neuen Jesko zur Verfügung, der bei Simulationen bereits schnell genug fuhr. Allerdings fürchtet Koenigsegg die unkontrollierbaren Aspekte eines solchen Vorhabens, Dinge wie Wind, Tiere, Bodenwellen. "Es ist machbar, aber nicht unser vorrangiges Ziel."

03/2020, Koenigsegg Jesko Absolut
Koenigsegg
Koenigsegg will mit dem auf maximalen Topspeed optimierten Jesko Absolut die nächste Bestmarke aufstellen.

Ein anderer limitierender Faktor sind die Reifen. Michelin scheint bisher als einziger Hersteller in der Lage zu sein, die passenden Gummis für derlei Geschwindigkeitsrekorde backen zu können. Aber auch die Franzosen haben so ihre Bedenken, was die 300-mph-Marke angeht. Alles steht und fällt damit, wie lange ein Auto braucht, um diesen Speed zu erreichen: "Falls das Auto zwar schnell 270 Meilen pro Stunde erreicht, aber weitere fünf Minuten bis 300 braucht, dann wird es nicht funktionieren", sagt Michelin-Produktmanager Eric Schmedding im Gespräch mit "The Drive". Das Problem: Je länger ein Reifen bei diesem Speed rotiert, desto heißer wird er. Das bedeutet extremen Stress für den Pneu – mit bislang unabsehbaren Folgen. John Hennessey glaubt allerdings, das Reifenthema im Griff zu haben. Sein Auto sei schließlich leicht und windschlüpfig genug.

Top 15 Schnellste Autos der Welt

Platz Modell Topspeed in mph Topspeed in km/h
1 Bugatti Chiron (Vorserienauto Super Sport 300+; inoffiziell) 304,773 490,484
2 M2K Motorsports Ford GT (inoffiziell) 300,4 483,4
3 SSC Tuatara (bislang inoffiziell) 282,9 455,3
4 Koenigsegg Agera RS 277,9 447,2
5 Hennessey Venom GT 270,4 435
6 Bugatti Veyron Super Sport 268 431
7 Hennessey Venom GT Spyder 265,6 427,4
8 Bugatti Chiron 261 420
9 SSC Ultimate Aero 256 412
10 Koenigsegg Regera 255 410
11 Bugatti Veyron EB 16.4 253,8 408
12 Saleen S7 Twin Turbo 248 399
13 Koenigsegg CCR 242 389
14 McLaren F1 241 388
15 Pagani Huayra BC 238 383

Fazit

Nachdem es lange ruhig war rund um den Topspeed-Rekord für Serienautos, kam mit Bugattis 300-mph-Fahrt im Herbst 2019 plötzlich Bewegung in das Thema. Ein Jahr später wurde die Sache aufgrund der Kontroverse um den SSC Tuatara so richtig heiß diskutiert. Nun scheint das US-Hypercar zumindest den Highspeed-Rekord erreicht, nicht aber die 300-mph-Marke geknackt zu haben. Es dürfte jedoch nicht mehr lange dauern, bis sie erneut angegriffen wird. Wenn nicht von SSC, dann von Hennessey oder Koenigsegg.

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