Die Hauptversammlung der Porsche AG am 23. Juni 2026 geriet zu einer Art Generalabrechnung. Nach dem Krisenjahr 2025 nutzten Investoren die Gelegenheit, um mit dem Vorstand und insbesondere dem Aufsichtsrat um Wolfgang Porsche ungewöhnlich scharf ins Gericht zu gehen. Der Vorwurf: Zu spätes Eingreifen, mangelnde Kontrolle und strategische Fehlentscheidungen hätten aus einem der profitabelsten Autobauer Europas einen Konzern im Umbau- und Krisenmodus gemacht.
Börsenenttäuschung statt Erfolgsstory
Beim Börsengang 2022 war Porsche mit hohen Erwartungen gestartet: starke Margen, exklusive Markenpositionierung und ein überzeugender Übergang in die Elektromobilität sollten langfristiges Wachstum sichern. Aus Sicht zahlreicher Investoren ist davon derzeit wenig geblieben. "Wir Aktionäre blicken heute auf Porsche und sehen einen Scherbenhaufen", erklärte Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka auf der virtuellen Hauptversammlung. Für viele Investoren steht dabei nicht allein das schwache Ergebnis des vergangenen Jahres im Fokus, sondern ein tieferer Vertrauensverlust.
Speich verwies darauf, dass sich die Porsche-Aktie seit dem Börsengang – inklusive Dividenden – deutlich schlechter entwickelt habe als der Dax. Aus seiner Sicht wurden zentrale Versprechen des Börsengangs nicht nur verfehlt, sondern teilweise ins Gegenteil verkehrt. Der Vorwurf: Die aktuellen Probleme seien nicht bloß Folge eines schwachen Marktzyklus, sondern Ausdruck struktureller Schwächen.
Kritik am Aufsichtsrat: "Zu spät, zu passiv"
Besonders deutlich fiel die Kritik am Aufsichtsgremium rund um Wolfgang Porsche aus. Investoren warfen dem Aufsichtsrat vor, auf Fehlentwicklungen zu spät reagiert zu haben.
Kritisiert wurden insbesondere:
- späte personelle Konsequenzen,
- die lange Doppelfunktion des früheren Vorstandschefs Oliver Blume an der Spitze von Porsche und Volkswagen,
- unzureichende Kontrolle der Elektrostrategie.
Markus Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger formulierte die Kritik besonders zugespitzt. Das Verhalten des Aufsichtsrats erinnere an die berühmten drei Affen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen – ergänzt um einen vierten Affen, der "nichts versteht". Damit richtet sich die Kritik indirekt auch an Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche, dessen Einfluss innerhalb der Eigentümerfamilie traditionell groß ist.
CEO Michael Leiters setzt auf Neustart
Deutlich positiver bewerteten Investoren dagegen den Kurs des neuen Vorstandschefs Michael Leiters, der seit Anfang 2026 die operative Führung übernommen hat. Leiters kündigte an, das laufende Jahr konsequent zur Neuausrichtung zu nutzen. Verbesserungen bei Ertragskraft und Wettbewerbsfähigkeit sollen vor allem über neue Produkte und eine klarere Modellstrategie erreicht werden. Gleichzeitig machte er deutlich, dass der Umbau Zeit benötigen werde.
Der Druck bleibt allerdings hoch: Porsche kämpft gleichzeitig mit einer schwächeren Nachfrage in China, geopolitischen Belastungen, Unsicherheiten durch die US-Handelspolitik und einer insgesamt verlangsamten Dynamik im Elektrosegment.
Gewinneinbruch und Dividenden-Kompromiss
Die Zahlen unterstreichen den Ernst der Lage. Der Konzernüberschuss brach 2025 um rund 91 Prozent auf 310 Millionen Euro ein – ein massiver Rückschlag für genau den Hersteller, der lange als Rendite-Maschine innerhalb des Volkswagen-Konzerns galt. Trotzdem bestätigten die Aktionäre die Dividendenzahlung: Für das Geschäftsjahr 2025 werden 1,00 Euro je Stammaktie und 1,01 Euro je Vorzugsaktie ausgeschüttet. Insgesamt fließen damit rund 916 Millionen Euro an die Anteilseigner. Das Management bezeichnet die reduzierte Ausschüttung als Mittelweg: Aktionäre sollen beteiligt bleiben, gleichzeitig will sich Porsche ausreichend finanziellen Spielraum für die laufende Transformation sichern.












