Die Versorgung mit Kraftstoff ist ein zentraler und kritischer Faktor bei militärischen Einsätzen. Shena Britzen, Leiterin des Wasserstoffprogramms bei Rheinmetall, sagt gegenüber dem ZDF: "Wenn Giga PtX als Projekt, wie wir es definiert haben, umgesetzt ist, dann haben wir mit der Kraftstoffversorgung eine der größten Herausforderungen unserer Streitkräfte in Europa für den Kriegs- und Krisenfall gelöst".
Bundeswehr stark abhängig vom Import
Die Ausgangslage beschreibt der Energieexperte Loyle Campbell so: "Europas Streitkräfte, inklusive der Bundeswehr, sind stark abhängig vom Import fossiler Energien. Das macht sie anfällig für globale Störungen". Diese Abhängigkeit zeigt sich vor allem dann, wenn Lieferketten unter Druck geraten oder Energiepreise stark schwanken.
Das Bundesverteidigungsministerium verfolgt entsprechende Entwicklungen, bleibt aber bei der Bewertung zurückhaltend. Laut ZDF wird dort "fortlaufend die Eignung neuer Technologien wie E-Fuels" geprüft, zugleich spielen "Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit" eine Rolle.
Projektstart in Großbritannien
Mit ITM Power aus Großbritannien kommt nun die Schlüsseltechnologie ins Projekt. Elektrolyseure erzeugen Wasserstoff aus Wasser und Strom, der anschließend zu synthetischen Kraftstoffen weiterverarbeitet wird. ITM-Chef Dennis Schulz sagt dazu: "Zuverlässiger Zugang zu Kraftstoff ist grundlegend für militärische Fähigkeiten".
Die Zusammenarbeit startet im Vereinigten Königreich, wo erste Anwendungen entstehen sollen. Rheinmetall treibt damit den Übergang von der Konzeptphase in die praktische Umsetzung voran.
Projekt Giga PtX im Detail
Giga PtX ist als dezentrales System angelegt. Geplant ist ein Netzwerk aus mehreren hundert Anlagen in Europa. Jede Anlage soll über eine Leistung von bis zu 50 Megawatt verfügen und jährlich rund 5.000 bis 7.000 Tonnen synthetischen Kraftstoff produzieren.
Produktion und Weiterverarbeitung erfolgen jeweils vor Ort. Stromerzeugung, Wasserstoffgewinnung und Kraftstoffsynthese werden kombiniert und möglichst nahe an militärischer Infrastruktur angesiedelt. Die erzeugten Kraftstoffe sind so ausgelegt, dass sie direkt in bestehenden Fahrzeugen, Flugzeugen und Logistiksystemen eingesetzt werden können.
20 bis 60 Liter pro Soldat
Rheinmetall geht dabei von einem breiten Einsatzspektrum aus. Neben synthetischem Diesel sollen auch nachhaltiger Flugkraftstoff und Schiffsdiesel produziert werden können. Der Hintergrund ist operativ geprägt. Im Kriegsfall liegt der Kraftstoffbedarf laut Rheinmetall bei 20 bis 60 Litern pro Soldat und Tag. Gleichzeitig bindet die Versorgung erhebliche Kräfte, ein großer Teil logistischer Verluste entfällt auf diesen Bereich.
Technisch basiert das Konzept auf der Kombination von erneuerbarer Energie, Wasser und CO₂. Die Herstellung erfolgt über Verfahren wie die Fischer-Tropsch-Synthese, bei der aus Wasserstoff und Kohlenstoff synthetische Kraftstoffe entstehen. Ein wesentlicher Punkt ist die Standortwahl. Die Anlagen sollen möglichst nahe an militärischen Einheiten oder bestehenden Pipelines installiert werden. Dadurch lassen sich Transportwege verkürzen und Abhängigkeiten reduzieren.
Zudem sieht das Konzept vor, CO₂ aus vorhandenen Quellen wie Industrieanlagen oder Kraftwerken zu nutzen. Aufwendige Verfahren wie Direct Air Capture sind damit nicht zwingend erforderlich. Die verteilte Struktur hat auch sicherheitstechnische Gründe. Kleinere, dezentrale Anlagen gelten als weniger anfällig für Angriffe und lassen sich schrittweise erweitern. Rheinmetall beschreibt das System als skalierbar und durch Wiederholung bewährter Anlagenmodule ausbaubar.
Energiebedarf und Kosten
Der entscheidende Faktor bleibt der Energieeinsatz. Für die Herstellung von Wasserstoff wird viel Strom benötigt. Campbell weist darauf hin: "Die Strompreise sind bereits hoch und werden auf einem hohen Niveau bleiben". Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit.
Rheinmetall stellt dagegen die Versorgungssicherheit in den Vordergrund. Britzen sagt: "Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und strategische Autonomie haben oft Vorrang vor reinen Kostenerwägungen".












