Am Start hatte es noch nicht nach den ersten WM-Punkten für Nico Hülkenberg ausgesehen. Der Audi mit der Startnummer 27 wollte auf den ersten Metern mal wieder nicht so richtig in die Gänge kommen. Liam Lawson zog direkt vorbei, womit der Rheinländer beide Racing Bulls vor der Nase hatte. Und dann versuchten auch noch die beiden Alpine den Audi in die Mangel zu nehmen.
"Die habe ich mir dann aber irgendwo wieder geschnappt", erinnert sich Hülkenberg an eine turbulente Startphase. "Das muss ich mir selbst nochmal anschauen, wie das passiert ist. Aber das war wichtig für das weitere Rennen." So konnte Audi seine Strategie ganz auf die beiden Youngster im B-Team von Red Bull ausrichten.
"Im Qualifying hatten sie einen kleinen Vorteil, im Rennen waren wir dann schneller. Leider lagen wir da zunächst hinter ihnen", ärgerte sich Rennleiter Allan McNish. Durch das überholfeindliche Layout von Budapest war auf der Strecke zunächst kein Vorbeikommen. Deshalb probierte Audi, die weiße Wand über die Strategie zu knacken.

Nico Hülkenberg erwischte in Budapest ein Sahne-Wochenende.
Zweiter Undercut sitzt
In Runde 19 wurde Hülkenberg zum ersten Mal zum Boxenstopp gerufen. Der Undercut-Versuch lief allerdings ins Leere. Die beiden Racing-Bulls-Piloten wurden direkt in den Runden danach reingeholt und konnten ihre Positionen damit behaupten. Doch bei Audi hatte man noch nicht aufgegeben. In Runde 39 startete Hülkenberg direkt den zweiten Undercut-Anlauf. Bei weniger als zwei Sekunden Vorsprung konnte Arvid Lindblad dieses Mal nicht kontern.
Weil die Position schon verloren und ein Boxenstopp keinen Sinn ergeben hätte, wurde der Brite von seinem Team draußen gelassen und auf eine Einstopp-Strategie gesetzt. Auf den alten Reifen konnte er sich acht Runden vor Schluss nicht mehr gegen den Angriff von Hülkenberg. Zu diesem Zeitpunkt war der Audi dank des Ausfalls von Oscar Piastri schon kampflos in die Punkte vorgedrungen. Mit der erfolgreichen Attacke gegegn Lindblad konnte Hülkenberg seine Ausbeute aber noch verdoppeln.
Der Schlüssel dazu war der frühe zweite Stopp, mit dem man den direkten Gegner unter Druck setzte: "Manchmal muss man Risiken eingehen. Wir haben schnell reagiert, um die Racing Bulls herauszufordern. Da mussten wir aggressiv vorgehen. Wir wussten aber, dass wir es schaffen können. Es war nicht einfach nur ein Poker. Das kommt erst in Las Vegas, später in der Saison. Wir wussten, wie gut unsere Pace ist und wie schnell man sein muss, um zu überholen", erklärte McNish die Gedanken hinter der Strategie.

Bevor sich Hülkenberg auf die Jagd nach den Racing Bulls machen konnte, musste er erstmal die Alpine abschütteln.
Belohnung für perfekte Strategie
Nach dem Rennen war Hülkenberg die Erleichterung anzusehen, dass es endlich mit den ersten WM-Punkten im Audi-Overall geklappt hat. "Eigentlich hatte ich die erste Möglichkeit auf Punkte schon beim zweiten Rennen in China. Da haben wir es bereits liegenlassen", erinnerte sich der Pilot am Sky-Mikrofon. "Danach war immer irgendwie irgendwas, immer unterschiedliche Sachen. Hier war es das erste Mal, dass es wirklich rundgelaufen ist – gestern und heute. Und am Ende gab es dann die Belohnung."
Ein Lob ging an die Strategen, die früh auf eine Zweistopp-Strategie mit frühen Stopps umdisponiert haben. "Mit den Reifen sah es lange gut aus, aber dann kam irgendwann die Klippe. Dann fällt man runter und dann ist nichts mehr zu holen. Dann fährt man nur noch Rallye-Style. Der hohe Verschleiß hat sich früh abgezeichnet. Die hohe Pace, die wir gefahren sind. Es war heiß, es war windig. Auch der raue Asphalt war brutal für die Reifen."

Glücksbringer: Familie und Hund waren in Budapest dabei und drückten mit Erfolg die Daumen.
"Rennfahrer sind auch nur Menschen"
Auch McNish freute sich mit seinem Piloten: "Es war eine schwierige Zeit für ihn. Rennfahrer sind auch nur Menschen. Wir wollen alle erfolgreich sein. Und wenn es dann aus verschiedenen Gründen nicht klappt, dann kann sich der Frust aufstauen. Nico war richtig on fire dieses Wochenende. Vom Moment, als er sich ins Auto gesetzt hat, fühlte er sich wohl und hat abgeliefert. Das war super stark. Es war schön, dieses Feuer zu sehen. Da war jede Menge Feuer heute in ihm drin. Der Hulk ist zurück!"
Bis zum nächsten Top-Ten-Resultat sollte es möglichst nicht noch einmal 11 Rennen dauern. Hülkenberg hat sich für die Zeit nach den Ferien viel vorgenommen. "Jetzt erst mal etwas fallenlassen, dann aber auch schnell wieder Spannung aufnehmen. Es geht nach der Sommerpause gleich wieder knackig weiter mit einem Sprint in Zandvoort. Da werden wir direkt wieder ins kalte Wasser geworfen." Die Strecke in den Dünen dürfte dem Audi mit seinen vielen Kurven wieder entgegenkommen. Vielleicht ist es ja wie bei einer Ketchup-Flasche – erst kommt lange nichts, und dann auf einmal ganz viel.












