George Russell - Mercedes  - GP Sakhir 2020 - Bahrain - Rennen Motorsport Images
Sergio Perez - Racing Point - GP Sakhir 2020 - Bahrain - Rennen
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Unglaubliche Fahrt von Russell: Zwei Mal um Sieg betrogen

Unglaubliche Fahrt von Russell Zwei Mal um Sieg betrogen

Mercedes hat einen neuen Star. George Russell fuhr bei seinem ersten Einsatz für das Weltmeister-Team das Rennen seines Lebens. Er hätte zwei Mal gewinnen können, und wurde zwei Mal um den Sieg betrogen. Alles begann mit einer unglaublichen Boxenstopp-Panne.

Was mag sich wohl Lewis Hamilton gedacht haben, als er als Gast des Königshauses in Corona-Quarantäne den zweiten Grand Prix von Bahrain am Fernseher geschaut hat? Da saß einer in seinem Auto und machte das gleiche wie er. Einer, der normalerweise im Williams am Ende des Feldes herumfährt. Einer, der fünf Tage vor dem Rennen ins eiskalte Wasser geworfen wurde und darin schwamm, als hätte er nie etwas anderes getan.

Einer, der das beste Auto im Feld und alle Prozeduren im Crashkurs lernen musste. Einer der elf Zentimeter zu groß für dieses Cockpit ist, eine Schuhnummer kleiner wählen musste und zu lange Finger für einen zu kleinen Kupplungshebel hat. Einer, der vor diesem Rennen noch nie einen Grand Prix angeführt hat oder in die Punkte gefahren ist.

Russell übertrifft Erwartungen

Dann machte dieser George Russell innerhalb von drei Tagen nicht nur alles richtig. Er übertraf haushoch alle Erwartungen und brachte Valtteri Bottas in Erklärungsnot. Russell führte am Freitag beide Trainingssitzungen an und lernte innerhalb von 97 Runden, wie sich der Mercedes mit vollen Tanks verhält und wie man die Reifen bei Laune hält mit einem Auto, das die heiklen Pirelli-Sohlen ganz anders fordert als sein angestammter Williams. "Ich musste erst den Williams aus dem Kopf kriegen, bevor ich den Mercedes neu lernen konnte", fasste Russell seinen ersten Tag im Team zusammen.

Am Samstag zeigte Russell dann der vermeintlichen Nummer eins im Stall erstmals so richtig die Zähne. Der Sprung in die erste Startreihe nur 26 Tausendstel hinter Bottas zählte für Russell wie die Pole Position. Auch, weil es gute Gründe für das winzige Delta gab. Der Aushilfspilot schenkte die Zeit her, weil er nicht den perfekten Windschatten fand. Nicht weil er in den Kurven zu langsam gewesen wäre. Russell wusste da bereits, dass er mehr erreicht hatte, als er sich je zum Ziel gesetzt hatte. "Ich wäre schon zufrieden gewesen, wenn ich innerhalb von zwei Zehntel von Valtteris Zeit geblieben wäre."

Bottas - Russell - GP Sakhir 2020 - Bahrain - Rennen
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George Russell brillierte in Bahrain und zeigte Valtteri Bottas das Auspuffrohr.

Als säße Hamilton daneben

Es gab eigentlich nur einen Moment, vor dem Russell die Nerven flatterten, eine Aufgabe, vor der Respekt hatte. Das war der Start. "Ich habe diese Prozedur immer und immer wieder mit einem Ersatz-Lenkrad geübt, es muss so um die hundert Mal gewesen sein. Der Kupplungshebel ist für die Finger von Lewis maßgeschneidert. Dass mir dann der Start so gut gelungen ist, hat mich stolz gemacht." Es gab noch mehr, auf das der 22-jährige Engländer stolz sein konnte. Er kontrollierte den ersten Stint auf eine Art, als säße Hamilton als Einflüsterer auf dem Nebensitz. Russell wusste auf jede schnelle Runde von Bottas eine Antwort. Der Vorsprung schwankte zwischen zwei und drei Sekunden. "Zu viel Untersteuern in den Kurve 4, 7 und 8", jammerte Bottas. Er war mit der Frontflügeleinstellung eine Stufe zu niedrig gegangen.

Als Spitzenreiter hatte der Neuling im Team das Recht des ersten Boxenstopps. Als Bottas in seiner Verzweiflung den ersten Stint um drei Runden hinauszögerte, um im Finale ein bisschen frischere Reifen zu haben, wuchs der Abstand schlagartig auf 8,5 Sekunden an. "Da dachte ich zum ersten Mal an den Sieg", gab Russell zu. "Ich sagte mir, dass ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Und leider hatte ich Recht. Es war zu schön, um wahr zu sein."

Das Märchen nahm ab Runde 62 einen Verlauf ohne Happy end und verwandelte sich vom Traum zum Alptraum. Erinnerungen an den Chaos-Grand Prix in Hockenheim 2019 wurden wach. Die Geschichte klingt unglaublich. Russell bekam die falschen Reifen, Bottas behielt die alten, weil die Vorderreifen der für ihn vorgesehenen Garnitur an das Auto des Teamkollegen geschraubt wurden.

George Russell - Mercedes - GP Bahrain 2020 - Sakhir
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Ein Frontflügel, der alles durcheinander brachte. Aitkens Unfall lockte Mercedes zu einem Sicherheitsstopp.

Zwei Funksprüche überlagern sich

Der Reihe nach. Ein Unfall von Jack Aitken in der Zielkurve löste zuerst eine VSC-Phase aus, bevor Rennleiter Michael Mai das echte Safety Car in Marsch setzte. Mit 37 Sekunden Luft auf Sergio Perez hatte Mercedes alle Zeit der Welt, einen Sicherheitsstopp einzulegen. "Wir wollten uns für einen Re-Start gegen Leute absichern, die frischere und weichere Reifen als wir drauf hatten", rechtfertigten sich die Strategen. Doch dann passierte das Missgeschick. Als Teammanager Ron Meadows die beiden Reifencrews um Bereitschaft bat, kam die Nachricht nur bei der "blauen" Gruppe an. Die Mannschaft von Bottas.

Kaum lagen die Reifen für den Finnen bereit, stand Russell auch schon da. Der Kommandostand hatte nur fünf Sekunden Zeit, den Engländer an die Boxen zu holen. Und genau das war auch der Grund, warum es ein Funkproblem gab. Im gleichen Moment als Meadows sein Kommando gab, meldete sich Russell am Funk. Und dieser Funkspruch übertönte den vom Kommandostand. Die "rote Truppe" auf der rechten Seite der Garage hörte nicht mit. Sie merkte es erst, als sich das Auto mit der Nummer 63 vor ihnen einparkte.

In der Hektik bekam der Spitzenreiter die Reifen ans Auto, die schon nach vorne in die Parkposition geholt worden waren. Die Vorderreifen der Marke Medium gehörten zum Auto mit der Nummer 77. Hinten passte alles. Aufgefallen war es erst, als Bottas zum Service rollte. Weil der plötzlich Reifen von Russell bekam.

Der erste, der Alarm schlug, war der Reifenchef in der Garage. Da waren die Medium-Gummis aber schon am 77er Mercedes. Der Mechaniker links vorne konnte an der Nummer und der Farbmarkierung des Reifens erkennen, dass der Koordinator in der Garage Recht hatte. Jetzt war guter Rat teuer. Insgesamt hatte man sechs Reifen zur Auswahl, von denen vier zu Bottas gehörten. Die Strategen fürchteten einen zu großen Zeitverlust, bis das geklärt sein würde und ordneten an, dem Finnen wieder die harten Sohlen mitzugeben, die er eigentlich los werden wollte. "Im Rückblick hätten wir uns die Zeit nehmen und die Reifen von Valtteri aussortieren sollen. Das hätte zwar ein paar Positionen mehr gekostet, aber er hätte im Finale noch kämpfen können."

George Russell - Mercedes  - GP Sakhir 2020 - Bahrain - Rennen
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George Russell machte Jagd auf Segio Perez, wurde aber von einem Reifenschaden gebremst.

Russell hätte Perez noch eingeholt

Damit waren zwei Rennen zerstört. Bottas fädelte sich nach einem Verlust von 28 Sekunden als Fünfter wieder in den Verkehr ein. Er hatte jetzt harte Reifen am Auto, die im Ziel 38 Runden alt sein würden und nach dem Re-Start nicht mehr auf Temperatur kommen wollten. Russell auf der anderen Seite stand ein weiterer Boxenstopp eine Runde später bevor, um die Reifenwahl zu korrigieren und vielleicht einer Strafe zu entgehen. Das warf den Sensationsmann auf Platz 5 hinter Bottas zurück. Und als das Rennen freigegeben wurde, waren nur noch 19 Runden zu fahren.

Trotz aller Hürden, die man Russell in den Weg gelegt hatte, hätte es doch noch reichen können, denn der Wunderknabe fuhr an diesem Tag wie von einem anderen Stern. Zwei Runden später ging er spektakulär vor der Schikane an Bottas vorbei. Der WM-Zweite kam mit seinen uralten harten Reifen nicht mehr vom Fleck. "Ich habe mir gesagt: Wenn du an Valtteri vorbeikommst, dann ist ein Sieg doch noch möglich", blickte Russell auf einen Schlüsselmoment des Rennens zurück. Lance Stroll und Esteban Ocon waren für den Hamilton-Ersatz nur Kanonenfutter. Blieb nur noch Perez.

Der Mexikaner war einer andere Nummer. Er hatte sich auf 3,4 Sekunden davon geschlichen, und er war schnell. In fünf Runden verkürzte Russell den Rückstand nur auf 2,3 Sekunden. Mercedes rechnete aus, dass es zwei Runden vor Schluss zum Zusammenschluss der beiden gekommen wäre. Mit dem DRS-Vorteil für Russell. Perez zweifelt: "Ich hatte noch Reserven. George hätte acht Zehntel schneller als ich sein müssen, um mich mit DRS überholen zu können. Er hat mir aber höchstens mal vier Zehntel abgenommen."

Keine Strafe für Russell

Neun Runden vor Schluss hatte das Schicksal eine weitere Wendung parat. Russell kam mit einem schleichenden Plattfuß links hinten an die Box. Die Ingenieure sind sich sicher: "Er hat sich Wrackteile von Aitken in Kurve 10 eingefahren. Bei seiner Aufholjagd musste er sich vor der Zielgerade anders positionieren und war deshalb auch mal neben der Ideallinie." Der vierte Boxenstopp warf den moralischen Sieger auf Platz 14 zurück. Doch Russell ließ sich nicht unterkriegen. In einem letzten Kraftakt auf jetzt weichen Reifen überholte er noch Räikkönen, Giovinazzi, Vettel, Gasly und Norris und belohnte sich wenigstens mit seinen ersten zwei WM-Punkten. Den Extra-Zähler für die schnellste Rennrunde gab es als Trostpreis noch oben drauf.

Die Sportkommissare zeigten Mitleid. Sie hätten Russell für den Gebrauch falscher Reifen disqualifizieren können, doch sie machten keinen Gebrauch davon. Mercedes hatte sich und seine Fahrer genug bestraft. Russell war nur eine Runde mit den Bottas-Reifen unterwegs, und er musste deshalb einen zusätzlichen Boxenstopp einlegen. Und Bottas verlor so viel Zeit in den Boxen, dass er damit als Kandidat für ein Podium ausfiel. Die Plätze 8 und 9 und nur sieben WM-Punkte für die schnellsten Autos im Feld ließen es gerecht erscheinen, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. 20.000 Euro Busse gab es obendrauf.

Valtteri Bottas - Mercedes - GP Sakhir 2020 - Bahrain - Rennen
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Valtteri Bottas blieb blass, während der Teamkollege glänzte.

Die beste Visitenkarte für 2022

Es spricht für den neuen Superstar der Szene, wie gefasst er durch Himmel und Hölle ging. "In mir toben zwei Gefühle. Einerseits bin ich extrem enttäuscht. Der Sieg ist mir heute zwei Mal aus der Hand geglitten. Der andere Teil in mir ist stolz auf meine Leistung. Es war ein Privileg, diese Chance überhaupt bekommen zu haben, und ich glaube ich habe sie ordentlich genutzt. Und wenn das jetzt Leuten wie Toto ein paar Kopfschmerzen bereitet, dann ist das gut so. Ich glaube, ich habe für 2022 eine gute Visitenkarte abgegeben, vielleicht ja schon für früher."

Die Ingenieure bei Mercedes sind für ihre Nüchternheit bekannt. Doch auch sie kamen nicht umhin, den Neuling in den höchsten Tönen zu loben. "George hat alles gemacht, was von ihm verlangt wurde. Er war schnell, legte eine blitzsauberen Start hin und hat exzellentes Reifenmanagement gezeigt. Er war ein guter Ersatz für Lewis, weil er jedem Druck standgehalten und jedes Hindernis übersprungen hat, das man ihm in den Weg legte."

Teamchef Toto Wolff durfte sich in seiner Wahl bestätigt fühlen, die er vor sieben Jahren einmal getroffen hat, als er Russell in seinen Kader aufnahm. Nach dem zweiten Startplatz hielt er den Ball noch flach, um die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben und Druck aus dem Kessel zu nehmen. "Es ging für George zunächst einmal darum, das Auto, das Team und die neue Situation an der Spitze des Feldes kennenzulernen. Heute hat er gezeigt, welches Potenzial in ihm steckt. Er hat mehr abgeliefert, als wir alle von ihm erwarten durften." Nach der Galavorstellung seines besten Schülers fiel Wolff nur ein Satz ein: "Heute wurde ein Star geboren."

Rufe, man solle Bottas schon nächstes Jahr gegen Russell austauschen, erteilte der Teamchef eine Absage: "George hat einen Vertrag mit Williams, und wir haben einen Vertrag mit Valtteri. Wir wissen jetzt aber, dass wir mit George einen haben, auf den wir in Zukunft bauen können. Deshalb ist es im Moment kein realistisches Szenario." Wolff weiß auch, dass eine Konfrontation von Hamilton mit Russell "ein wilder Ritt für uns alle wäre", weil dann Schluss mit der Gemütlichkeit im Team sein könnte.

Der sensationelle Einstand des Neulings könnte aus Sicht von Mercedes auch so interpretiert werden, dass jeder im Team ersetzbar ist, solange man so ein überlegenes Auto hat. Auch Hamilton. Wolff sieht sich deshalb aber nicht in einer besseren Verhandlungsposition: "Nichts, was an diesem Wochenende passiert ist, ändert etwas an unseren Verhandlungen mit Lewis. Es wäre nicht fair, weil es ja auch andersherum hätte laufen können, wenn George nicht so gut abgeschnitten hätte. Lewis ist seit acht Jahren ein Mitglied der Familie, und wir wissen, was wir an ihm haben. Lewis gewinnt so viele Rennen und so viele Titel, weil er der beste Fahrer im besten Auto sitzt."

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