Mercedes ist das dominierende Team der aktuellen Saison. Acht Siege in elf Rennen sprechen eine eindeutige Sprache. Eigentlich müssten die beiden Silberpfeil-Piloten den WM-Titel entspannt im internen Duell untereinander ausmachen. Doch zur Halbzeit hat sich Lewis Hamilton bequem im Silber-Sandwich eingenistet. Der Rekordsieger sorgt dafür, dass die Sektflaschen in Brackley noch nicht kaltgestellt werden dürfen.
Zu Beginn des Jahres sah noch alles nach einem Zweikampf um die Fahrerkrone aus. George Russell ging als Favorit in die Saison und bestätigte die Rolle auch direkt mal mit seinem Sieg in Melbourne. Kimi Antonelli begann sein zweites Formel-1-Jahr mit einem Crash im dritten Training im Albert Park. Dank der Arbeit der Mechaniker stand das Auto aber in der Quali wieder parat. Am Ende sicherte der Youngster immerhin den Doppelsieg ab.
Danach folgte allerdings eine fast schon unheimliche Reihe an Pleiten, Pech und Pannen für die beiden Silberpfeil-Piloten. Das Schicksal ließ das Pendel immer wieder in die eine oder die andere Richtung ausschlagen. Russell und Antonelli rechneten sich gegenseitig vor, wie viele Punkte sie durch die ungnädigen Renngötter auf der Strecke ließen. Mit einem bisschen mehr Fortune wären beide dem restlichen Feld schon längst enteilt.

Russell und Antonelli wurden ohne eigene Schuld mehrfach vom Schicksal getroffen.
Bilanz des Schreckens
Wir nutzen die Halbzeit, um noch einmal alle Vorfälle aufzulisten und die verlorenen WM-Zähler zu addieren. Wer wurde vom Schicksal mehr gebeutelt?
GP China: Bis zum Qualifying hatte Russell in Shanghai alles im Griff. Dann streikte zu Beginn des Q3 plötzlich der Antrieb. Die Mechaniker schafften es gerade noch rechtzeitig, den AMG W17 wiederzubeleben. Am Ende reichte es immerhin noch zu Startplatz 2, genau wie später im Rennen. Ohne die Panne wäre die Reihenfolge der beiden Silberpfeile wohl umgedreht gewesen. Bilanz: Russell -7, Antonelli +7
GP Japan: Weil ein Last-Minute-Setup-Umbau bei Russell in die Hose ging, fuhr Antonelli in der Quali relativ locker auf Pole. Das fällt aber nicht in die Kategorie Pech, sondern gilt einfach als verpokert. Im Rennen spielte dann das Schicksal Regie. Antonelli ließ am Start die Kupplung zu schnell kommen und fiel früh zurück. Bei Russell sorgte ein technisches Problem mit festhängenden Bremsen dazu, dass direkt ein paar Plätze verloren gingen.
Bei einem normalen Rennverlauf hätte Russell wohl Platz 2 hinter Oscar Piastri belegt. Für Antonelli wäre Platz 3 das höchste der Gefühle gewesen. Doch dann brachte eine Safety-Car-Phase alles durcheinander. Antonelli wurde an die Spitze gespült. Russell verpasste am Ende auf Rang vier ganz das Podium. Bilanz: Russell -6, Antonelli +10
GP Kanada: In Montreal kam es zum ersten direkten Duell der beiden Mercedes-Piloten. Im Sprint verlor Antonelli einen Punkt, weil sich Russell im Zweikampf robust verteidigte. Und auch am Sonntag fuhren beide wieder mit dem Messer zwischen den Zähnen. Der Infight wurde jedoch von einem Batterie-Schaden in Runde 29 entschieden. Russell schied in Führung liegend aus. Zu diesem Zeitpunkt schien Antonelli die bessere Pace zu haben. Er hätte das Rennen wohl auch ohne das Problem am Schwesterauto gewonnen. Bilanz: Russell -18, Antonelli 0

In Barcelona musste Antonelli seinen Mercedes mit einem Batterie-Defekt abstellen.
Mercedes-Nuller in Monaco und Barcelona
GP Monaco: Der Sieg von Antonelli im Fürstentum geriet nie in Gefahr und war auch völlig verdient. Teamkollege Russell hatte dem Italiener nichts entgegenzusetzen. Und dann schlug auch noch das Pech zu. Der Brite wurde fälschlicherweise zu einer 5-Sekunden-Strafe verdonnert, weil er in der Box mit zu hohem Tempo geblitzt wurde. Dabei handelte es aber um einen Messfehler. Von Rang 4 fiel Russell ganz aus den Punkten. Bilanz: Russell -12, Antonelli 0
GP Barcelona: Drei Wochen nach Montreal trafen die beiden WM-Rivalen in Barcelona erneut im direkten Duell aufeinander. Antonelli hatte Russell in Runde 61 endlich niedergerungen, als er eine Runde später von einem Batterie-Defekt ausgebremst wurde. Russell profitierte und holte sich kampflos Rang zwei zurück. Gegen Lewis Hamilton wären beide Mercedes-Fahrer auch bei einem normalen Rennverlauf chancenlos gewesen. Bilanz: Russell +3, Antonelli -18
GP Österreich: Im Qualifying schien Antonelli die Oberhand zu haben. Doch als Max Verstappen in der vorletzten Kurve crashte, brach der Italiener seine letzte Runde ab. Teamkollege Russell lupfte nur kurz und sicherte sich die Pole. Von Startplatz 4 ging es für Antonelli nur noch auf P3 nach vorne. Russell hatte den Sieg verdient, auch wenn er in der Quali etwas Glück hatte. Ohne den Verstappen-Crash wäre Antonelli aber wohl vor den beiden Ferrari gestartet und hätte sich Rang zwei gesichert. Bilanz: Russell 0, Antonelli -3

Russell wurde in Belgien nach einem Software-Fehler von Lewis Hamilton ins Kies gekickt.
Doppeltes Russell-Pech in Spa
GP England: Das "Was-wäre-wenn"-Spiel müssen wir in Silverstone auf die Spitze treiben. Auf der Jagd nach Charles Leclerc knickte bei Antonelli plötzlich ein Leitblech am linken Vorderrad ab. Wir glauben, dass der Youngster das Rennen ohne das Technik-Pech gewonnen hätte. So ging er am Ende leer aus. Russell gewann nicht nur einen glücklichen Platz durch die Probleme des Schwesterautos. Der Heckflügel-Schaden bei Verstappen brachte ihn sogar aufs Podium. Das anschließende Safety-Car spülte ihn auch noch vorbei an Hamilton auf Rang 2. Bilanz: Russell +8, Antonelli -25
GP Belgien: Mit einer starken Leistung sammelte Antonelli in Spa verdiente 25 Punkte für den Sieg ein. Dieses Mal war es wieder Russell, dem das Schicksal übel mitspielte. Ein Software-Fehler an beiden Silberpfeilen zwang den Briten in der Startphase ins Duell mit Hamilton. Der Silberpfeil wurde schließlich vom Ferrari ins Kies gedreht. Die Frage lautet, wo Russell ohne das Pech gelandet wäre. Wir glauben, mindestens auf P4, wo er auch losgefahren war. Bilanz: Russell -12, Antonelli 0
GP Ungarn: Eine verkorkste erste Halbsaison fand für Russell mit einem Startproblem in Budapest seinen Abschluss. Ein Defekt am Gaspedal ließ die Drehzahlen in den Keller sinken und das Auto in den Anti-Stall-Modus schalten. Russell fiel ans Ende des Feldes zurück, konnte sich aber noch auf P7 nach vorne kämpfen. Wir wollen konservativ rechnen. Russell startete hinter den beiden Ferrari. Wäre er hier ins Ziel gekommen, wäre es P6 geworden. Antonelli wurde etwas durch die letzte VSC-Phase ausgebremst. Ob sich seine Position dadurch veränderte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Bilanz: Russell: -2, Antonelli 0

Glück und Unglück hielten sich bei beiden Mercedes-Piloten nicht die Waage.
Russell "gewinnt" die Pech-Wertung
Normalerweise sagt man, dass sich Glück und Pech innerhalb einer Saison ausgleichen. Das gilt für die beiden Mercedes-Piloten bisher ganz sicher nicht. George Russell gingen durch Technik-Defekte und Rennpech 57 Punkte durch die Lappen. Durch glückliche Umstände bekam er in anderen Rennen 11 Zähler dazu. Macht eine persönliche Bilanz von minus 46.
Bei Antonelli schlägt das Pendel nicht ganz so stark auf die negative Seite aus. Der Italiener verlor 46 sicher geglaubte Punkte, holte sich durch glückliche Fügungen aber auch 17 zurück. Macht in Summer "nur" minus 29. Es stimmt also, dass Russell etwas mehr von Schicksal getroffen wurde. In direkten Vergleich machte das aber nur 17 Punkte aus. Der Rückstand in der WM-Wertung würde also statt 59 "nur" noch 42 Punkte betragen.
Dramatisch wird es aber beim Blick auf die Teamwertung. Zusammen kommen Russell und Antonelli auf 75 verlorene Punkte in den ersten 11 Rennen. Rechnet man die dazu, würde sich der Vorsprung gegenüber Ferrari auf 147 Punkte mehr als verdoppeln. Die Rechnung hinkt allerdings etwas. Man müsste natürlich auch noch ausrechnen, wo Ferrari Zähler liegenließ. Aber das heben wir uns für ein anderes Mal auf.












