Nach 20 Jahren Bauzeit endet mit dem Mistral bei Bugatti die Ära des legendären 8,0-Liter-W16-Motors mit seinen vier Turboladern und bis zu 1.850 PS. Das Finale feiern die Molsheimer allerdings nicht heimlich, still und leise. Stattdessen inszenieren sie ein beeindruckendes Einzelstück, das gemeinsam mit der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) entstand: den Bugatti W16 Mistral "Blanc Éternel" ("Ewiges Weiß").
Unsichtbare Konstruktion wird sichtbar
Bereits vor 15 Jahren hatten Bugatti und KPM mit dem Veyron Grand Sport "L’Or Blanc" ein Kunstwerk vorgestellt, das Porzellan erstmals als zentrales Designelement ins Automobil übertrug. Der neue Mistral greift diese Idee auf, interpretiert sie mit den Mitteln moderner Fahrzeugentwicklung allerdings völlig neu. Ungewöhnlich ist dabei der gestalterische Ausgangspunkt des "Blanc Éternel". Denn nicht Lichtreflexe oder klassische Karosserielinien bestimmen die Optik, sondern die digitale Konstruktion des Fahrzeugs selbst.
Der W16 Mistral entstand vollständig digital und ohne klassische Tonmodelle. Seine Karosserie basiert auf sogenannten NURBS-Flächen (Non-Uniform Rational B-Splines), einem Verfahren, mit dem komplexe Geometrien in der Fahrzeugentwicklung definiert werden. Genau diese normalerweise unsichtbare Struktur macht Bugatti sichtbar. Feine schwarze Linien verlaufen über die weiße Karosserie und zeichnen die Übergänge der digitalen Flächen nach. So entsteht der Eindruck, als würde die technische Entstehung des Fahrzeugs dauerhaft auf seiner Oberfläche sichtbar bleiben. Das Interieur folgt dem Außenkonzept: Auf weißes Leder wurde das grafische Linienmuster in Handarbeit übertragen.
Echte Handarbeit statt Plotter
So digital das Konzept wirkt – umgesetzt wurde es klassisch in unzähligen Stunden Handarbeit. Nach der Lackierung in Weiß wurden sämtliche Linien manuell abgeklebt, Bereiche maskiert und anschließend in Schwarz lackiert. Die Herausforderung bestand darin, die grafischen Elemente sauber über die komplexen dreidimensionalen Flächen des Roadsters zu führen. Der Effekt lenkt den Blick gezielt auf typische Mistral-Merkmale: den vergrößerten Hufeisen-Kühlergrill, die ausgeprägte C-Linie, die seitlichen Luftführungen und das X-förmige Heckleuchten-Design.
Die Zusammenarbeit mit KPM beschränkt sich nicht auf die Optik. Porzellan findet sich an zahlreichen Stellen des Fahrzeugs – außen ebenso wie im Innenraum. Zu den sichtbaren Details gehören das EB-Logo, Tank- und Öldeckel sowie Einlagen auf der Motorabdeckung. Innen setzt Bugatti das Material an Bedienelementen ein: an der Lautsprecherabdeckung, den Kniepolstern, am Schalthebel, an der Mittelarmlehne und an den Fensterhebern. Technisch ist das extrem anspruchsvoll. Porzellan verändert beim Brennen seine Abmessungen um rund 17 Prozent – jede Komponente muss deshalb bereits in der Konstruktion mit der späteren Schrumpfung berechnet werden.
Der letzte offene W16
Der W16 Mistral selbst markiert den Schlusspunkt einer außergewöhnlichen Antriebsära. Vorgestellt wurde der Roadster 2022 während der Monterey Car Week. Anders als der Chiron ist der Mistral kein klassisches Serienmodell, sondern zählt zu den sogenannten "Few-Offs" von Bugatti – eigenständigen Kleinserien mit eigenem Charakter. Unter der Karosserie arbeitet die bekannte Ausbaustufe des 8,0-Liter-W16 mit vier Turboladern aus dem Chiron Super Sport 300+: 1.600 PS und maximal 1.600 Nm Drehmoment stehen zur Verfügung.
Bugatti nennt 420 km/h Höchstgeschwindigkeit. Bei einer Rekordfahrt im November 2024 erreichte Werksfahrer Andy Wallace auf der Teststrecke in Papenburg 453,91 km/h – Weltrekord für ein offenes Serienfahrzeug. Insgesamt baute Bugatti nur 99 Exemplare des Mistral. Alle Fahrzeuge sind bereits verkauft. Der Grundpreis lag bei 5,95 Millionen Euro netto. Der "Blanc Éternel" soll noch einmal demonstrieren, dass es bei Bugatti nicht um eine reine Leistungsdemonstration geht, sondern um die elegante Verbindung aus Technik, Handwerk und Individualisierung.












