Eigentlich war der Plan ein anderer. Ein entspannter Ritt in einer historischen G-Klasse über die Alpenpässe der Silvretta Classic Rallye Montafon sollte es werden. Doch kurz vor dem Start schlägt ein Käufer bei Mercedes-Benz Heritage zu und sichert sich den Geländewagen. Der Ersatzwagen für die nächsten drei Tage? Ein blauer Mercedes-Benz 300 SL Roadster. Plan B kann manchmal so unfassbar schön und teuer sein.
Zwei Millionen Euro. Das ist die Zahl, die im Kopf mitschwingt, wenn man vor dem Mercedes 300 SL Roadster steht. Nüchtern betrachtet ist der von 1957 bis 1963 exakt 1.858 Mal gebaute Roadster natürlich das passendere Auto für die Silvretta Classic Rallye Montafon, sogar noch besser als sein berühmter Bruder mit den Flügeltüren. "Der Blaue", wie wir ihn im Team liebevoll taufen, trägt eine leicht patinierte beige Innenausstattung und verrät dem Kennerauge sofort seine Herkunft: Es ist ein US-Modell von 1961. Das erkennt man an aber nur an den Scheinwerfern und daran, dass der Blinkerhebel separat hinter dem dünnen Lenkrad sitzt und nicht mit dem Lenkradkranz auslöst. Auf dem Tacho stehen dafür keine Meilen, aber gerade einmal 61.000 Kilometer.
Schon der Einstieg gleicht einem Ritual: Der schmale Türgriff klappt auf Fingerdruck auf; eine Aero-Lösung, die Mercedes schon vor über 70 Jahren erfand und die heute jedes E-Auto – meist schlechter – nachbaut. Die Tür schwingt fast im 90-Grad-Winkel auf und der Fahrer gleitet so locker über den breiten Schweller.
Dass der Roadster überhaupt über konventionelle Türen und Kurbelfenster verfügt, erforderte damals eine massive Umkonstruktion des Gitterrohrrahmens, was den Offenen im Vergleich zum Coupé um gut 135 Kilogramm erschwert. Die Sitzposition? Erfreulich niedrig. An dieser Stelle: Ein Hoch auf Enzo, einen der beiden Mechaniker aus dem Mercedes-Heritage-Service-Sprinter, der mir noch schnell die Lehne vor dem Start aus der US-typischen Liegeposition in eine aufrechte Fahrerhaltung schraubt.
Tag 1: Kochende Technik und ein singender Sechszylinder
Die Startflagge in Partenen fällt, und das Cockpit wird zum Arbeitsplatz. Vor mir baut sich das wunderschöne Kombi-Instrument auf: Öldruck und Wassertemperatur steigen wie Fieberthermometer an. Daneben der Tachometer im schicken Nadelstreifenanzug; er eilt der Realität mittlerweile gut 15 km/h voraus, genau wie der Tageskilometerzähler. Roadbook-Navigation nach Kilometern? Eher eine vage Schätzung für Beifahrerin Julia Löwenstein.
Unter der endlos langen Haube arbeitet derweil ein technisches Meisterwerk: der berühmte Dreiliter-Reihensechszylinder M 198. Um unter die flache Haube zu passen, wurde er um 45 Grad nach links geneigt und mit einer Trockensumpfschmierung versehen. Der rote Bereich des Drehzahlmessers beginnt erst bei 6.000 Touren. Ab 3.000 Umdrehungen wird das per mechanischer Bosch-Direkteinspritzung befeuerte Triebwerk richtig stimmgewaltig.
Es singt ein metallisch-sonores Lied, das in den zahlreichen Tunneln des Montafons immer wieder für Gänsehaut und Grinsen sorgt. Seine 215 PS und maximal 289 Nm Drehmoment haben immer noch leichtes Spiel. Damals reichte das für bis zu 250 km/h Topspeed – und heute locker, um auf den Passstraßen souverän an langsameren Teilnehmern vorbeizuziehen.
Draußen brennt die Sonne bei über 30 Grad vom Himmel. Und auch im Cockpit geht’s heiß her. Zum ersten Mal seit Langem sind bei der Silvretta Classic wieder digitale Hilfsmittel erlaubt. Julia, die vorher noch nie bei einer Oldtimer-Rallye am Start war, hat das Tablet von Wertungsprüfung eins an gut im Griff und macht klare Ansagen. Doch kurz vor Wertungsprüfung drei kapituliert die moderne Technik vor der Hitze im offenen Roadster – das Tablet schaltet plötzlich ab.
Die gute alte mechanische Stoppuhr muss übernehmen. Der 300 SL hingegen bleibt cool. Und die Zeiten? Die variieren, zumal Streckenplaner Joe Elsensohn bereits in der ersten Prüfung des Tages eine geheime WP versteckt hat.
Tag 2: Schweizer Alpen und ein Boxenstopp in Rekordzeit
Am Freitag steht die Königsetappe auf dem Programm. 303 Kilometer, diesmal tief hinein in die Schweiz. Ein fahrerischer Traum: entlang des Zürichsees und durch pittoreske Dörfer. Wenn einem doch nur nicht die Zeit im Nacken sitzen würde. Statt herumzubummeln, kratzen wir oft am strikt überwachten Schweizer Tempolimit. Dass sich der Roadster auf den kurvigen Passagen so virtuos bewegt, liegt auch am größten technischen Unterschied zum Flügeltürer: Statt der tückischen Zweigelenk-Pendelachse, die ungeübte Fahrer bei Lastwechseln gern mal abfliegen lässt, besitzt der Roadster eine Eingelenk-Pendelachse mit Ausgleichsfeder. So reagiert der Benz im Grenzbereich sehr gutmütig.
Galerie: Dieser 300 SL stand ewig in einer Scheune
Ja, es sind vor allem die Momente auf der Strecke, die erklären, warum der Roadster das ultimative Oldtimer-Rallye-Auto für die Silvretta ist. Wenn man offen fährt, verschmilzt man mit der Topografie. Man riecht den Nadelwald, spürt physisch, wie die Lufttemperatur in einer tiefen Klamm plötzlich abfällt, hört das Holz auf einer einspurigen Brücke knirschen und atmet den modrigen Duft der alten Steingalerie am Arlberg. Das kann kein Flügeltürer bieten.
Doch dann meldet sich die alte Technik. Der Roadster zieht beim Bremsen immer stärker nach links und in flott gefahrenen Kehren dringen Schleifgeräusche aus dem Radlager vorne rechts. Nichts Dramatisches: "Das richten wir nach dem Zieleinlauf", beruhigen die Mechaniker uns in der Mittagspause.

Rettung in Rekordzeit: Die Mechaniker Finn und Enzo von Mercedes-Benz Heritage wechseln die Batterie unter dem Verdeckkasten so schnell, dass dem Team Zeitstrafen erspart bleiben.
Doch am Nachmittag streikt plötzlich die Lichtmaschine beziehungsweise das zugehörige Relais. Jetzt schlägt die Stunde von Finn und Enzo aus dem Service-Team. Sie beschaffen in Windeseile eine neue Batterie. Weil diese beim Roadster raffiniert unter dem Verdeckkasten verborgen ist, muss das Stoffdach kurz geöffnet werden. Leerer Akku raus, frischer rein. Der Boxenstopp geht so schnell über die Bühne, dass wir an der Zeitkontrolle nicht einmal eine Strafminute kassieren.
Tag 3: Kurvenhatz zum Zielbogen
Am letzten Tag stehen noch einmal 220 Kilometer in Richtung Landeck und über das Hahntennjoch an. Die vier Gänge des manuellen Getriebes finden auch ohne Nachdruck den Weg durch die langen Gassen. Zwar verlangt der dünne Lenkradkranz beim Rangieren ordentlich Kraft und in engen Spitzkehren muss man flott umgreifen, doch dank der breiteren Spur und der überarbeiteten Fahrwerksgeometrie lässt sich der 300er überraschend behände um die Ecken werfen.
Und bei der Rückwärtsfahrprüfung erweist sich auch das flache Heck als Segen für die Übersicht. So zirkelt der Fahrer die verchromte Stoßstange aufs Hundertstel genau durch die Lichtschranken.
Die drei Tage verfliegen viel zu schnell. Als wir schließlich in Schruns durch den Zielbogen rollen, steht das Ergebnis fest: Platz 37 von 180. Und, was im internen Rallye-Quartett noch wichtiger ist: Wir liegen im Gesamtklassement sogar vor Rallye-Legende Walter Röhrl. Dessen Beifahrer Tin-Shin Hsu hatte seinen Startplatz im Rahmen der großen Best Cars Expo von auto motor und sport gewonnen. Er war der schnellste Besucher im Upracer Fahrsimulator von MAC Jeans und hatte sich so seinen Beifahrerplatz für einen Tag neben Walter Röhrl bei der Silvretta Classic 2026 erspielt.

Vom Simulator zum Röhrl-Modell: Gewinner Tin-Shin Hsu tauschte die Konsole der Best Cars Expo gegen den echten Beifahrersitz neben der Rallye-Legende – ein buchstäblicher Haupt-Gewinn!
Übrigens: Wer selbst mit einem Klassiker an der Silvretta oder einer anderen Rallye teilnehmen möchte, hat noch gute Chancen im nächsten Jahr. Für 2026 gibt auch noch ein paar freie Plätze bei der Sachsen Classic sowie der Luxembourg Classic.
Sie besitzen gar keinen Oldtimer? Dann schauen Sie doch mal im Classic Center bei Mercedes-Benz Heritage vorbei. Neben diversen 300 SL handelt man in Fellbach auch mit erschwinglicheren Old- und Youngtimern: Von Ponton über 124er bis zur Pagode ist da für jeden Mercedes-Fan was dabei. Und natürlich kümmert sich das kürzlich erweiterte Classic Center auch um Wartung, Service, Reparatur und Restaurierung.












