Technische Kooperationen

Wer mit wem in der Autoindustrie

Zusammenarbeit Mercedes und BMW Foto: Designed by Freepik

BMW und Daimler, VW und Ford, Honda und GM – und viele mehr: Immer mehr Autobauer schließen Allianzen, um die riesigen Zukunfts-Herausforderungen zu bewältigen. Ein Überblick, welche Kooperationen existieren und welche im Gespräch sind.

Harte Marktbedingungen, eine steigende technische Komplexität, völlig neue Produkte sowie kundenorientierte Services, die weit über den Verkauf eines Autos hinausgehen: Es ist eine grundlegende Transformation, in der sich die Autoindustrie befindet, und sie vollzieht sich in atemberaubendem Tempo. Die vielen Herausforderungen lassen sich für einen Autokonzern kaum noch allein stemmen, meint nicht nur die große Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft KPMG. „Kooperationen mit sinnvoll ausgewählten Partnern aus der Auto- und Zulieferindustrie sind die geheime Karte, die zur Schatzinsel führt“, sagt deshalb Dieter Becker von der KPMG.

Solche Kooperationen ergeben Experten zufolge vor allem dann Sinn, wenn sie weniger finanziell, sondern technisch getrieben sind. Wenn zum Beispiel zwei Konkurrenten gemeinsam eine Plattform entwickeln, auf denen Modelle mehrerer Marken basieren, wie zum Beispiel BMW und Toyota beim Z4 und Supra oder Daimler und Renault beim Smart und Twingo. Aber auch bei den beiden zentralen Zukunftstechnologien, der Elektrifizierung und beim autonomen Fahren, gehen immer mehr Wettbewerber Kooperationen ein oder streben diese an. Schließlich treten sie hier gegen neue Konkurrenten aus der Tech- und IT-Branche an, die neben hoher technischer Expertise über fast unerschöpfliche finanzielle Möglichkeiten verfügen. Um sich da zu behaupten, müssen die Autohersteller zwangsläufig zusammenspannen. Eine Übersicht, wer mit wem auf welchen Gebieten kollaboriert oder dies plant.

Ford + VW, autonomes Fahren, Pickups und Transporter

06/2018, Waymo Chrysler Pacifica Waymo mit eigener Fabrik Eigenes Werk für autonome Umbauten

Die beiden Autogiganten aus den USA und Europa nähern sich weiter an. Wie der Nachrichtendienst Bloomberg berichtet, arbeiten Ford und VW daran, gemeinsam selbstfahrende Autos zu entwickeln. Zentrales Element einer mutmaßlichen künftigen Kooperation sei Insidern zufolge Argo AI, ein von Ford unterstütztes Startup für autonome Fahrzeuge. Ford und VW hätten sich für Argo AI auf eine ungefähre Bewertung von vier Milliarden US-Dollar geeinigt. Sprecher beider Konzerne äußern sich nicht näher zu der Meldung und verweisen lediglich auf konstruktive und produktive Gespräche.

Basis für die tiefergehende Partnerschaft ist eine im Januar vereinbarte Kooperation, bei der es vorrangig um leichte Nutzfahrzeuge geht. Zukünftige Fahrzeugarchitekturen für Pickups und Transporter wollen Ford und Volkswagen gemeinsam entwickeln, um sich einerseits die Kosten zu teilen und andererseits Risiken bezüglich neuer Technologien (Elektromobilität, autonomes Fahren) zu minimieren. Erste sichtbare Ergebnisse der Kooperation werden mittelgroße Pickups sein, die 2022 auf den Markt kommen sollen. Bei der Kooperation könnte es darüberhinaus auch um Elektroautos und Mobilitätsdienste gehen.

BMW + Daimler, Fahrzeugplattformen

Chrysler Pacifica Hybrid Waymo autonomes Fahren Intel arbeitet mit Google-Tochter Waymo zusammen Marktführerschaft bei autonomem Fahren angestrebt

Internationalen Medienberichten zufolge wollen die beiden Premiumhersteller in mehreren technischen Bereichen kooperieren. Denkbar sei eine Zusammenarbeit bei Komponenten wie Getrieben, Batterien für Elektroautos und Technologien fürs autonome Fahren. Hier könnten sich gegenseitig Patente offengelegt und komplette Produkte miteinander entwickelt werden. Auch gemeinsame Plattformen seien möglich. Mithin soll es sich bei den mit vereinten Kräften entwickelten Komponenten um solche handeln, die nicht charakterbildend für die Marken seien. Stellungnahmen lehnen beide Hersteller bislang ab – sie betonen aber, grundsätzlich offen für solche Überlegungen zu sein.

BMW + Fiat-Chrysler (FCA), autonomes Fahren

Im Sommer 2016 gab BMW seine Partnerschaft mit dem Chiphersteller Intel und dem Kameratechnik-Spezialisten Mobileye bekannt. Kurz darauf stieß ein weiterer Autohersteller zu dieser Allianz hinzu: Fiat-Chrysler (FCA). Auch drei Zulieferer sind dabei: Magna, Delphi und Continental. Grundsätzlich geht es den Partnern darum, Synergien bei der Entwicklung autonomer Fahrzeuge zu schaffen. Und das möglichst schnell, schließlich soll die 2021 auf den Markt kommende Serienversion des BMW iNext bereits 2021 auf Level 5 selbständig fahren können, auch wenn sich BMW selbst vorerst auf Level 4 beschränken möchte. Inwiefern FCA von der Kooperation profitieren wird, ist noch nicht ganz klar. Der Konzern will jedenfalls seine Entwicklungsexpertise und seine detaillierten Kenntnisse des US-Marktes einbringen.

BMW Kooperation Allianz mit Intel und MobilEye Foto: auto motor und sport / BMW
Die Allianz zwischen BMW, Intel und Mobileye besteht seit 2016. Inzwischen haben sich weitere Unternehmen angeschlossen.

BMW + Daimler + VW, autonomes Fahren

Gibt es gar die große „Deutschland-Allianz“, die auf das autonome Fahren hinarbeitet? Mehrere Medien berichten, dass sich BMW, Daimler und VW zusammen mit den Zulieferern Continental und Bosch in Gesprächen befinden, um genau diese zu schmieden. Das Ziel sei, die besten Fahrassistenz-Systeme und selbstfahrenden Autos zu entwickeln, auch um damit globale Standards zu setzen und den Tech- und IT-Riesen in dieser Hinsicht zuvorzukommen. Seit einigen Monaten liefen lose Gespräche zwischen den Konzernen – was genau daraus wird, steht aber noch in den Sternen. Ob die von der „Süddeutschen Zeitung“ ins Spiel gebrachte Variante kommt, nach der sich VW der BMW-FCA-Allianz anschließen könnte, ist derzeit ebenso unklar.

Honda + General Motors, E-Auto-Batterien und autonomes Fahren

Lange Zeit lief es in Hinblick auf das autonome Fahren auf eine Zusammenarbeit zwischen Honda und Waymo, dem entsprechenden Zweig des Google-Mutterkonzerns Alphabet, hinaus. Bis dann im Herbst 2018 plötzlich ein Deal zwischen den Japanern und General Motors bekanntgegeben wurde. Schon zuvor kooperierten beide Konzerne in Sachen Elektroauto-Batterien – ein Feld, in dem GM eine stattliche Expertise aufgebaut hat. Mit dem Deal wollen beide Firmen ihre Zusammenarbeit auf das autonome Fahren ausweiten.

Fiat-Chrysler (FCA), Jaguar Land Rover, autonomes Fahren

Waymo arbeitet stattdessen mit anderen Partnern zusammen: Mit dem Fiat-Chrysler-Konzern, der im ersten Schritt 62.000 Exemplare des US-Vans Chrysler Pacifica zur Verfügung stellt, damit Waymo Selbstfahr-Technologien auf der Straße testen kann. In einem späteren Schritt will sich FCA die Technik offenbar lizensieren lassen, um sie in künftige autonome Fahrzeuge einzubauen. Ähnlich ist das Vorgehen zwischen Waymo und Jaguar Land Rover (JLR). In einem im März 2018 geschlossenen Deal vereinbarten beide Firmen, dass JLR 20.000 Exemplare des Elektro-SUVs I-Pace liefert, die von 2020 an in Waymos fahrerlosem Taxidienst eingesetzt werden sollen. Beide Unternehmen wollen bei der technischen Entwicklung aber auch langfristig kooperieren.

BMW + Daimler, Carsharing und Mobilitätsdienste

Car2go Flotte Carsharing von BMW und Daimler Neues Joint Venture könnte "Jurbey" heißen

Carsharing, Ride Hailing, Batterieladelösungen: Es sind diese und ähnliche Bereiche, in denen die deutschen Autohersteller derzeit noch nicht gut aufgestellt zu sein scheinen. Um bessere Chancen zu haben, den Rückstand aufzuholen, wollen BMW und Daimler ihre Kräfte in diesen Bereichen bündeln. In Kürze fusionieren die Carsharing-Marken der beiden Konzerne, DriveNow und Car2go, zu einem Gemeinschaftsunternehmen, das Medienberichten zufolge „Jurbey“ heißen dürfte. Damit soll nicht nur das Thema Carsharing, sondern neben anderen Mobilitätsdienstleistungen auch die Elektromobilität schneller vorangetrieben werden. Die zuständigen Behörden in Europa und den USA haben den Plänen zugestimmt, im ersten Quartal sollen die ersten Schritte des neuen Unternehmens vorgestellt werden.

Audi + BMW + Daimler, Kartendienst Here

Im August 2015 machten die drei deutschen Premiumanbieter erstmals gemeinsame Sache: Sie kauften vom Nokia-Konzern für 2,8 Milliarden Euro den Kartendienst Here. Auf Basis dieser Technologie wollen sie eine Plattform für präzise Karten und ortsbezogene Dienste entwickeln. Und damit eine digitale Welt abbilden, die eine wichtige Grundlage für das autonome Fahren ist. Die amerikanische Tech- und IT-Giganten haben Ähnliches vor. Zusammen sind die Hersteller besser in der Lage, sich gegen diese starke Konkurrenz zu behaupten. Und die Daten aktuell zu halten, weil mehr Autos und deren Sensoren die dafür nötigen Informationen liefern.

Ford Ranger 3.2 TDCi, VW Amarok 3.0 TDI, Frontansicht 01/2019, Zusammenarbeit BMW und Daimler BMW Kooperation Allianz mit Intel und MobilEye 01/2019, Collage BMW Mercedes VW 01/2019, GM Cruise autonomes Fahrzeug Chrysler Pacifica Hybrid Waymo autonomes Fahren 04/2018, Jaguar I-Pace Waymo 01/2019, Zusammenarbeit BMW und Daimler 01/2019, Kartendienst Here Ionity LadesŠule Elektroauto

BMW + Daimler + Ford + VW, Elektro-Ladesäulen

Um die Infrastruktur der Elektroauto-Ladesäulen in Europa zu verbessern, haben die vier Autohersteller das Joint Venture Ionity gegründet. Dessen Ziel: Bis 2020 sollen etwa 400 Stationen entlang der europäischen Hauptverkehrsachsen bereitstehen. Deren Netz soll so engmaschig gestrickt sein, dass lange Touren im Elektroauto dann kein Problem mehr sind. Die Ladezeiten sollen minimiert werden, indem die Säulen mit einer Leistung von bis zu 350 Kilowatt Strom in die Fahrzeuge pumpen – sofern diese eine solche Menge überhaupt aufnehmen können. Um attraktive Standorte zu erhalten, hat Ionity inzwischen Kooperationen mit OMV, Shell und dem Raststättenbetreiber Tank & Rast geschlossen.

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