Noch vor Kurzem wirkte es so, als wolle General Motors den EV1 am liebsten vergessen. Jetzt inszeniert GM das Gegenteil: Der Konzern unterstützt die YouTube-Werkstatt Questionable Garage aus Gainesville in Georgia beim Wiederaufbau des EV1 mit der Fahrgestellnummer 212 – jenes grün lackierten Autos, das 2025 auf einem Impound-Lot (behördlich verwahrter Abstellplatz für Fahrzeuge) in Georgia auftauchte und bei einer Auktion für 104.000 Dollar (damals umgerechnet 89.830 Euro) wegging. Das Vorhaben heißt jetzt offiziell "Project V212".
Der EV1, den man nie kaufen durfte – und der dann verschwand
GM brachte den EV1 ab Ende 1996 nur per Leasing zu Kunden, vor allem in Kalifornien und Arizona – verkauft durch seine Tochtermarke Saturn. Allerdings hieß das Auto GM EV1 – und ist damit bis heute das einzige straßenzugelassene Modell, dass unter dem Markennamen GM auf den Markt kam. Anfang der 2000er-Jahre beendete GM das Programm, holte die meisten Fahrzeuge zurück und ließ viele Exemplare verschrotten oder deaktivieren. Die Doku "Who Killed the Electric Car?" zementierte später den Mythos – samt Vorwurf, GM habe das Auto aktiv aus dem öffentlichen Leben gedrängt.
Warum ausgerechnet VIN 212 so heikel (und so besonders) ist
Questionable Garage von US-Restaurator Jared Pink beschreibt den grünen EV1 als das einzige Exemplar, das als privates Fahrzeug mit sauberem Titel auftauchte. Genau deshalb hat das Team, an dem der aus den ersten Videos zu dem sensationellen Fund bekannte Elektroingenieur Declan Kavanaugh nach wie vor beteiligt ist, ein Ziel fest im Blick: Der EV1 soll wieder fahren – und im Idealfall eine Straßenzulassung bekommen. Absolut sicher wirkt das in der EV1-Welt nie, weil etliche der zirka 1.000 produzierten Autos verschwunden blieben und kaum jemand den Bestand vollständig überblickt.

Jared Pink gilt als Extrem-Restaurator, der jedes Problem löst. Er betreibt die Werkstatt Questionable Garage, in der er mit seinem Team jetzt den einzigen in Privathand befindlichen GM EV1 wiederaufbaut.
Erst Kentucky, dann Detroit: "Wir sind in einem Gebäude."
Im Video startet die Folge unspektakulär mit der Rückkehr aus der Aufbereitung: Der EV1 liegt komplett zerlegt da, bis aufs Chassis. Trockeneis-Spezialist Grant Inge von Inge Dry Ice Cleaning in Louisville (Kentucky) befreit Teile und den Unterboden von Schmutz und Korrosion – eine Arbeit, die laut Werkstatt normalerweise 8 bis 10 Stunden dauert, hier aber eher in Richtung 20 bis 30 Stunden ging. Das Team feiert die Reinigung als "unwirklich" – der Aufbereiter rettet sogar die Wachsaufschrift "221" am Mitteltunnel. Dabei handelt es sich um eine GM-interne Inventarnummer.
Jared PinkJared Pink ist ein US-amerikanischer Chefmechaniker, Extrem-Restaurator, Karosseriebauer und bekannter YouTube-Creator. In der Autowelt hat er sich einen Namen als der Mann fürs scheinbar Unmögliche gemacht. Jared betreibt den erfolgreichen YouTube-Kanal "The Questionable Garage" ("Die fragwürdige Werkstatt") und ist dafür bekannt, extrem beschädigte, rostige oder technisch hochkomplexe Fahrzeuge zu retten, bei denen andere abwinken.
Dann kippt die Story: Ein Brief aus Michigan landet im Shop, adressiert an "212". "We are watching (Wir haben das im Blick)", steht darin. Es folgen E-Mails, dann die Einladung – und schließlich Detroit, mit Treffpunkt an einem Ort, den das Team selbst im Video nur als "super secret location (streng geheimer Ort)" beschreibt.

Optisch ähnlich: Der GM Impact Concept war als Studie der Vorläufer des EV1.
GM Heritage fährt die ganze Elektro-Vorgeschichte auf
GM führt die Restauratoren durch die eigene Elektro-Historie. Adam King, Chef der GM-Klassiksammlung, zeigt unter anderem:
- 1966er Electrovair II: Corvair-Limousine mit E-Antrieb, rund 110 PS, etwa 800 Pfund Mehrgewicht. Silber-Zink-Batterien sollen damals rund 160.000 Dollar (mit Einrechnung der Inflation heute zirka 1,7 Millionen Dollar) gekostet haben, 40 bis 80 Meilen (64 bis 129 Kilometer) Reichweite geliefert haben und nach rund 100 Zyklen am Ende gewesen sein. Wem die Batterie bekannt vorkommt: Ähnliche Modelle kamen auch bei den drei Mondautos zum Einsatz.
- 1987er Sun Raycer: Solar-Rennwagen, unter 400 Pfund (181 Kilogramm) leicht, 90-Volt-System, bis 2010 laut GM die aerodynamischste Form, die je durch einen GM-Windkanal lief.
- 1990 Impact Concept: Vorläufer des EV1, bereits als "normales Auto" gedacht – inklusive Komfortfeatures. Eine modifizierte Version soll später 183 mph (295 km/h) erreicht haben.
So baut GM die Brücke: Der EV1 steht nicht allein, sondern als sichtbarer Höhepunkt einer langen Versuchskette.

Apple-Software-Ingenieur Billy Caruso hat den einzigen privat käuflichen GM EV1 der Welt gekauft - und möchte ihn von einem Schrott- in einen Neuwagenzustand versetzen.
Der Moment, der alles dreht: EV1 Nummer 1 im Neuwagenzustand
Dann rollt GM das Highlight aus: EV1 #1, VIN 4G5PX2259V0200001, gebaut für den Start der Kundenauslieferung am 14. November 1996 – rot, geschniegelt, quasi wie neu (oben im Teaserbild). Billy Caruso, Apple-Software-Ingenieur und Eigentümer des privaten EV1, tippt den Startcode 1111 ein, das Auto erwacht zum Leben, die Fensterheber funktionieren, die Anzeigen leuchten. Selbst der legendäre Dreifachton beim Rückwärtsgang erklingt. Die Fahrfunktion hat GM allerdings über die Bremsen an den Hinterrädern gesperrt. Die Szene ist ein Signal der Umkehr: GM versteckt den EV1 nicht mehr, GM zeigt ihn.
Billy CarusoBilly Caruso aus Saratoga (Kalifornien) ist ein US-amerikanischer Software-Entwickler, Autosammler und Enthusiast, der weltweite Bekanntheit erlangte, als er den einzigen bekannten General Motors EV1 in Privatbesitz erwarb. Er arbeitet hauptberuflich als Software Engineer und Interaction Prototyper bei Apple und hat einen Abschluss des renommierten MIT (Massachusetts Institute of Technology).
GM-Präsident Mark Reuss schaut zu – und bietet Hilfe an
Laut GM-Verantwortlichen verfolgt GM-Präsident Mark Reuss die Restaurationsvideos. GM lädt das Team daraufhin ins Global Technical Center nach Warren, Michigan, ein. Dort erhält Questionable Garage Teile, die GMs Prototypen-Team von einem Spender-EV1 demontiert. Am Ende steht der Satz, der früher kaum vorstellbar klang: "Whatever you need, we’ll help (Wenn ihr etwas braucht, helfen wir.)".

180-Grad-Kehrtwende: GM unterstützt inzwischen die Restauratoren und hat ihnen unter anderem den ersten je gebauten EV1 gezeigt - er trägt die Fahrgestellnummer 4G5PX2259V0200001.
Plötzlich melden sich sogar Ex-Ingenieure
In den Kommentaren zum Video tauchen inzwischen ehemalige GM-Leute auf, die Wissen anbieten und Details erklären wollen. Sie weisen darauf hin, dass viel Zeit vergangen ist und sie einiges vergessen haben könnten – aber das, was sie wissen, würden sie gern mit den Restauratoren teilen. Für das Projekt zählt das: Der EV1 kombiniert alte Hardware, spezielle Elektronik und eine Lade-Infrastruktur, die in dieser Form längst verschwunden ist. Je mehr Know-how auftaucht, desto realistischer wirkt das Ziel, VIN 212 bis zum 30. Jubiläum im November 2026 wieder sichtbar – und idealerweise fahrend – zu machen.












