1957 / AURORA SAFETY CAR www.andysaunders.net
Aurora Motor Company Andy Saunders
1957 / AURORA SAFETY CAR
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Sicherheitsauto Aurora

Mit Sicherheit das hässlichste Auto der Welt

Vor 60 Jahren wollte ein Priester das sicherste Auto der Welt bauen. Wieso sein „Aurora“ trotz wegweisender Ideen als hässlichstes in die Geschichte einging.

Fußgängerschutz, gepolsterte Armaturenbretter, Sicherheitsgurte, Sicherheitslenksäule und Seitenaufprallschutz – Begriffe, die aus der heutigen Automobilindustrie nicht mehr wegzudenken sind. Den Seitenaufprallschutz schreibt sich zum Beispiel Volvo seit 1991 unter dem Namen Side Impact Protection System (SIPS) ganz groß auf die eigene Fahne. Dass ein Priester bereits im Jahr 1957 einen zugegebenermaßen recht rudimentären Seitenaufprallschutz in seinem damals „sichersten Auto der Welt“ verbaute, davon wissen nur die wenigsten. Die Rede ist von Alfred Anthony Juliano und seinem Aurora Safety Car.

Der am 19. Dezember 1919 in Philadelphia geborene Amerikaner war schon immer von Automobilen begeistert. Jedoch interessierte er sich vor allem für das Design und nicht für Motorisierungen der Fahrzeuge. Wo immer er Zeit fand, zeichnete er Automobile. Eine dieser Zeichnungen fand den Weg zu General Motors, die dem damals 18-jährigen Studenten ein Stipendium an der frisch eröffneten Schule für Automotive Design von Harley Earl (unter anderem Erfinder der Chevrolet Corvette) anboten. Allerdings hatte sich Alfred A. Juliano zu diesem Zeitpunkt bereits für einen anderen Weg entschieden: Er wollte Priester werden.

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Das Aurora Safety Car blieb ein Einzelstück.

Vom Pferdestall in die weite Welt

Und so trat er am 4. Juni 1946 dem Orden von Holy Ghost Fathers in Ridgefield, Pennsylvania, bei. Er lehrte Physik an der Saint Emma Militär Akademie in Virginia und wurde später Kunstprofessor an der Duquesne Universität in Pittsburgh. Beim Versuch seinen Doktor in Kunst und Aerodynamik in Yale zu machen, wurde er zum stellvertretenden Pastor der St. Mary’s Kirche in Branford, Connecticut, ernannt. Da ihn diese Stelle offensichtlich langweilte, sah er sich nach einem geeigneten Zeitvertreib um, den er im Umbau eines 1953er Buick Roadmaster fand. Er baute kurzerhand einen alten Pferdestall in Branford zu einer Werkstatt um und startete sein Projekt: Der Bau des sichersten Automobils der Welt, dem Aurora. Allein die theoretische Entwicklung mit zahllosen Zeichnungen dauerte zwei Jahre. Der Bau an sich schlug mit drei Jahren zu Buche. Beim Namen ließ er sich von seiner Nichte Dawn inspirieren, was im Englischen Dämmerung oder Morgen bedeutet – Juliano nannte sein Auto daher nach der römischen Göttin der Morgenröte: Aurora.

Zu Beginn der praktischen Umsetzung erstellte er ein Tonmodell, was, anders als heute, damals noch nicht üblich war. Anschließend befreite er den Roadmaster von allem Metall und fertigte eine Sperrholzkonstruktion an, auf die er dann eine 5.486 Millimeter lange Fiberglas-Karosserie setzte. Bei der Karosserie unterstützte ihn der heute weltgrößte Hersteller von Glasfasern und verwandten Produkten Owens/Corning. Die gesamte Karosserie inklusive Türen (hinten gegenläufig öffnend) überzog er mit Kunstharz. Die Flügel-Fenster sowie die auffällig nach vorn gewölbte Windschutzscheibe (mit Metalljalousien) fertige er aus weichem Kunststoff. Die Form der Windschutzscheibe hatte, so wie Vieles beim Aurora, unter anderem sicherheitsrelevante Gründe. Alfred A. Juliano erhoffte sich dadurch weniger Kopfverletzungen bei Unfällen. Gleichzeitig konnte er auf Scheibenwischer verzichten, da die Kuppel so aerodynamisch geformt war, dass die Regentropfen, wie bei einem Flugzeug, einfach weggeblasen werden.

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Die auf Sockeln montierten Sitze können sich um bis zu 180 Grad drehen.

Eingebaute Wagenheber und Sicherheitsgurte

Überhaupt zeugen viele seiner Installationen und Entwicklungen von einer Denkweise, die seiner Zeit um Jahrzehnte voraus war. Die monströse, aus Bauschaum bestehende Unterlippe an der Front dient dazu, bei einem Unfall mit einem Fußgänger diesen nach oben weg zu befördern. Für eine etwas vergrößerte Knautschzone sorgt zudem das vorn verstaute Reserverad. Damit dieses im Falle eines Reifenschadens schnell montiert werden konnte, installierte der Tüftler gemeinsam mit ein paar Gemeindemitgliedern und Jugendlichen auch gleich pneumatische Wagenheber, die von innen per Hebel bedient werden können. Die insgesamt sechs Frontscheinwerfer wollte er im Falle der Serienproduktion durch eine große Lichtleiste ersetzen.

Für einen besseren Schutz der bis zu vier, in Einzelschalen mit hohen Seitenwangen angeschnallt sitzenden Passagiere, positionierte er diese recht zentral im Fahrzeug. Die auf Sockeln montierten Sitze können sich um bis zu 180 Grad drehen. Im Falle eines Zusammenstoßes sollen so die Passagiere besser geschützt sein. Wie das in Sekundenbruchteilen funktionieren soll, ist leider nicht überliefert. Ein zusammenklappbarer Tisch, der in der Mitte der individuell drehbaren Vierer-Sitzgruppe Platz findet, ergibt da schon mehr Sinn. Gleichzeitig sorgen ein rudimentärer Seitenaufprallschutz (durch Stahlträger verstärkte Seitentüren) und ein 20 Zentimeter dick gepolstertes Armaturenbrett für Schutz.

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Die monströse, aus Bauschaum bestehende Unterlippe an der Front dient dazu, bei einem Unfall mit einem Fußgänger diesen nach oben weg zu befördern.

Zu hoher Preis und falsche Planung

Die Motorisierung spielte für Alfred A. Juliano eine eher untergeordnete Rolle. Der Käufer eines Aurora Safety Cars hätte zwischen Motoren der großen Hersteller Cadillac, Lincoln, Imperial, Packard, Bugatti oder Mercedes-Benz auswählen können. Der Preis wäre bei allen gleichgeblieben: 12.000 US-Dollar. Und genau da lag eines der Probleme. Denn Mitte der 50er Jahre kostete das teuerste Auto der USA, ein Cadillac Eldorado, genau 13.000 US-Dollar. Ein normaler Chevi lag bei ungefähr 5.000 US-Dollar. Neben der zu hoch gegriffenen Preisvorstellung seines Schöpfers spielte noch ein weiteres Missgeschick eine große Rolle beim Untergang des sichersten Autos der Welt.

Denn nachdem Alfred A. Juliano 1956 auf der Hartford Autorama eine halbfertige Version des Aurora präsentiert hatte, die ihn bis dato satte 30.000 US-Dollar gekostet hatte, schmiedete er einen waghalsigen Plan: Er gründete gemeinsam mit seinem Orden die Aurora Motor Company. Anschließend wollte er mit seinem automobilen Sonderling eine 120 Städte umfassende Tour quer durch die USA veranstalten und jede Menge Kaufverträge an Land ziehen. Den Start sollte am 12. November 1957 eine Automesse im 150 Kilometer entfernten New York markieren.

Die hässlichste Premiere der Welt

Um Punkt acht Uhr morgens warteten zahlreiche Journalisten auf den großen Auftritt des als „sicherstes Auto der Welt“ angekündigten Fahrzeugs. Als Alfred A. Juliano seinen Messestand in New York erreicht, ist es jedoch 16 Uhr. Warum die eigentlich nur 90 minütige Anreise ganze elf Stunden dauerte? Auf der kurzen Strecke blieb Juliano 15 Mal liegen und musste sieben verschiedene Werkstätten besuchen. Die Benzinleitungen waren nach knapp fünfjährigen Herumstehens völlig verschlammt. Um 15 Uhr meldete er sich zum letzten Mal, um der Messe mitzuteilen, dass er in Harlem die Batterie aufladen müsse.

Frei nach der Redensart „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen“ haben es sich die wenigen Journalisten, die noch bis zur tatsächlichen Ankunft geblieben sind, nicht nehmen lassen, aus dem eigentlich sichersten das hässlichste Auto der Welt zu machen. Der große Plan von Alfred A. Juliano war somit zunichte gemacht, die Bestelleingänge blieben aus und er musste Insolvenz anmelden. Kurz darauf wurde er exkommuniziert, weil er angeblich Spendengelder aus der Gemeinde veruntreut hatte. Das Fahrzeug musste er einem Werkstattbesitzer vermachen, dem er Geld schuldete. Und genau an dieser Stelle kommt der heutige Besitzer des Aurora Andy Saunders aus Poole, Dorset in Großbritannien in Spiel.

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1993 fand Andy Saunders den Aurora auf einem Foto.

Andy Saunders investierte über 80.000 Dollar in Restauration

Er sah das Unikat 1993 auf einem Foto und wollte es sofort haben. Dass der Aurora über 30 Jahre draußen hinter einer Garage parkte, war ihm da noch egal. Der damalige Besitzer nahm die 1.500 Dollar dankend an, versuchte er schließlich mehrfach vergeblich den Sonderling loszuwerden. Weitere 2.000 Dollar kostete der Transport nach Großbritannien. Als der Aurora das erste Mal vor Andy Saunders stand, wurde ihm klar, dass sich das Fahrzeug in einem katastrophalen befand. Die Karosse war vielerorts geschmolzen. Eine Komplett-Restauration war also angesagt. Das Problem war nur: Alfred A. Juliano verstarb am 2. März 1989 im Alter von 69 Jahren infolge einer Herzattacke in Philadelphia – und erhaltene Aufzeichnungen gab es nur wenige.

Über 80.000 Dollar, zwölf Jahre und zahllose Arbeitsstunden später ist das Projekt vollendet – mit einer Ausnahme: die gebogene Windschutzscheibe ist nun gelb, anstatt durchsichtig. Andy Saunders investierte allein 12.000 Dollar in einen exakten Nachbau dieser Scheibe. Doch anders als das Original, das nach über 30 Jahren in der freien Natur zwar gesprungen, aber immer noch klar ist, ist es Andy Saunders und einem Team aus Flugzeugherstellern nicht gelungen, diese nachzubauen. Aktuell ist der Aurora auf der Webseite des Autokünstlers Andy Saunders und im Beaulieu Motor Museum zu bestaunen. Doch gibt es bereits Anfragen des Petersen Motor Museum, Los Angeles.

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Fazit

So seltsam das Design von Priester Alfred A. Juliano auch schien, zu seiner Zeit war er der Automobilindustrie um Jahrzehnte voraus. Vom Sicherheitsgurt bis hin zum Fußgängerschutz – die Ideen waren gut. Die Umsetzung leider nicht. Die Krönung war die verunglückte Präsentation, die das Ende des Aurora gleich zu Beginn besiegelte.

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