Erster Check Faraday Future FF 91 Jochen Knecht
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Erster Check Faraday Future FF 91 10 Bilder

Erster Check Faraday Future FF 91

Letzte Chance fürs Elektro-SUV aus Kalifornien?

Drei Jahre nach der pompösen Premiere ist Faraday Future zurück in Las Vegas. Für den 600-Kilometer-Elektro-Crossover FF 91 ist es die letzte Chance, es doch noch in die Serienproduktion zu schaffen.

Es ist keine drei Jahre her, da blies Faraday Future hier in Las Vegas zur Attacke auf quasi die gesamte Automobilindustrie: Egal ob Tesla oder etablierte Autobauer – das vom chinesischen Multi-Unternehmer Jia Yueting gegründete Auto-Startup wollte es mit allen aufnehmen. Schneller, kreativer, innovativer, vernetzter. Der FF 91, das erste Serienmodell der damals erst wenige Monate alten Firma, sollte bereits ein Jahr später zu den Kunden kommen, produziert in einer nagelneuen Fabrik in Nevada, nördlich von Las Vegas. Investitionssumme: eine Milliarde Dollar. 4:500 Mitarbeiter sollten dort nicht nur den FF 91 bauen, sondern in schneller Folge auch weitere Modelle auf Basis der variablen VPA-Elektro-Plattform an den Start bringen.

Carsten Breitfeld
Byton
Nach seiner Zeit bei BMW hatte Carsten Breitfeld das E-Auto-Start-Up Byton gegründet. Nun leitet er Faraday Future.

Carsten Breitfeld soll's retten

Nichts davon ist eingetreten. Schon der Bau der Fabrik scheiterte, weil das Geld fehlte. Nachdem sich der Elektroauto-Hersteller mit einem neuen Großinvestor scheinbar auf dem Weg der Besserung befand, gab es in der Folge immer wieder neue Negativ-Schlagzeilen. Mitarbeiter wurden beurlaubt, mehrere Bereiche des Unternehmens stillgelegt. Mit Nick Sampson hat einer der drei Gründer das Unternehmen verlassen, nachdem kurz zuvor Produktentwicklungschef Peter Savagian die Segel gestrichen hatte. Der bisherige CEO und inzwischen insolvente Mitgründer Jia Yueting hat seinen Platz für Ex-BMW-Manager Carsten Breitfeld geräumt.

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Anders als ursprünglich geplant, kommt der FF 91 mit klassischen Außenspiegeln.

92 Prozent der Serien-Teile beschafft

Und der versucht aktuell zu retten, was noch zu retten ist. Sprich: Er versucht gemeinsam mit den verbliebenen Mitarbeitern, neue Geldgeber zu finden und den fast fertig entwickelten FF 91 in Serie zu bauen. Immerhin gibt es seit Anfang 2018 wohl eine Fabrik, in der der FF 91 gebaut werden könnte. Faraday hat eine leerstehendes Fabrikgelände im kalifornischen Hanford von Pirelli gepachtet und bereitet sich dort auf die Serienproduktion vor. Laut CEO Breitfeld wurden 92 Prozent der Teile für den E-SUV beschafft, und damit stehe der FF 91 kurz vor der endgültigen Produktion.

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Großer Zentralbildschirm, der Beifahrer kann parallel Videos gucken. Der Innenspiegel ist ein Display.

Auf eigener Achse nach Las Vegas

Um das zu unterstreichen, wagt sich Faraday 2020 wieder nach Las Vegas. Vom Glanz und dem Selbstbewusstsein das Jahres 2017 ist allerdings nichts mehr übrig. Flugzeughangar? Messestand? VIel zu teuer. Die Auffahrt eines Hotels am Rande der Consumer Electronics Show (CES) muss reichen. Man sei die 356 Meilen (583 Kilometer) vom Werk in Kalifornien nach Las Vegas auf eigener Achse gefahren, erzählt die Faraday-Truppe stolz. Mit nur einer Akkuladung. Das klingt glaubwürdig, immerhin hat der FF 91 ja einen 130 kWh großen Akku im Unterboden. 378 Meilen (608 Kilometer) sind damit nach der vergleichsweise strengen amerikanischen EPA-Norm möglich. 783 kW (1:065 PS) leisten die Elektromotoren des FF 91, wer’s darauf anlegt, dem steht ein maximales Drehmoment von 1.800 Newtonmeter zur Verfügung. Von null bis 100 km/h vergehen 2,39 Sekunden. Reichweiten-Rekorde sind dann aber nicht mehr drin. Am Schnelllader kommt der FF 91 auf eine maximale Ladeleistung von 130 kW.

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Zero-G-Sitze hinten sollen für Langstrecken-Komfort sorgen. Die Liegefunktion soll auf Reisen genauso sicher sein, wie eine aufrechte Unterbringung.

Liegesitze hinten

Ansonsten hat sich optisch seit 2017 wenig verändert. Der Look ist nach wie vor dezent futuristisch. Der FF 91 gibt sich große Mühe, nicht als klassisches SUV aufzutreten, wirkt eher wie ein großer komfortabler Reisewagen. Der Eindruck setzt sich im Inneren fort. Im Fond laden zwei riesige Liegesitze (so genannte Zero-G-Seats) zum entspannten Langstrecken-Lümmeln ein, Unterhaltung liefert ein 27-Zoll-Bildschirm, der knarzend aus dem Dachhimmel klappt. Auch die Armauflage zwischen den beiden Liegesitzen ist eher noch im Rohbau. „Vorserie”, nennen das die Faraday-Leute. Und sind auch darauf erkennbar stolz. Weil sie endlich echte Autos zeigen dürfen. Keine mit viel Mühe aufbereiteten Einzelstücke. “Viele Teile stammen bereits aus dem Serienprozess”, erklärt einer der Ingenieure. Man wisse aber ganz genau, dass es noch viel zu tun sei. Geschenkt. Das Auto fährt. Genau solche Botschaften brauchst du als Startup auf der Suche Investoren für die nächste Finanzierungsrunde.

E-SUV mit mehr als 1.000 PS
50 Sek.

10 Displays und Android Auto

Allerdings: Auch wenn noch kein einziger FF 91 im Serienzustand vom Band gerollt ist, sieht man dem Auto in las Vegas sein Alter an. Drei Jahre ohne signifikante Weiterentwicklung sind eine lange Zeit, wenn parallel links und rechts unzählige Startup-Mitbewerber eigene Elektroautos zeigen. Und so wirkt der FF 91 im Vergleich zur Konkurrenz von Nio, Byton oder Lucid ein bisschen plüschig. Auch wenn das Basis-Setup sich nach wie vor sehen lassen kann. 10 Displays sind im Auto verteilt, bis auf die 27-Zoll-ScreenS alle per Touch bedienbar. Basis für die gesamte Elektronik-Architektur ist Android Auto. Vor drei Jahre war das fast schon eine Sensation, heute gibt’s das zum Beispiel auch von Volvo.

Kameras für alle Plätze

Faraday definiert das Cockpit des FF 91 als einen digitalen Lebensraum, entsprechend aufwändig wurde der Innenraum vernetzt. Datenschützer und Aluhüte müssen jetzt ganz stark sein: Jeder Sitzplatz wird über eine eigene Kamera überwacht, bzw. sein Nutzer per Gesichtserkennung identifiziert und im Anschluss mit einem individuellen Informations- und Unterhaltungsprogramm versorgt. Eine Idee, die noch aus den Anfängen des Startups stammt. Gründer Jia Yueting stand damals noch einem chinesischen Unterhaltungskonzern, der seine Inhalte und Produkte über eigene Digitalkanäle verbreitete. Die sollten über entsprechende Schnittstellen auch in den Faraday-Autos verfügbar sein.

Byton M-Byte Produktion
Politik & Wirtschaft

Wellness auf Knopfdruck

Wie viel davon tatsächlich noch übrig ist? Schwer zu sagen. In Las Vegas stand zumindest die digitale Grundversorgung zur Verfügung, sprich: Video-Streaming, Internet-Verbindung, WLAN und der Zugriff auf abgespeicherte Filme und Musikdateien. Spektakulär ist anders. Aber immerhin: Alle Bedienfelder und Displays reagierten flüssig. Nettes Gimmick: ein so genanntes Spa-Programm. Einmal aktiviert, fährt das System die Liegesitze hinten nach unten, aktiviert die Massagefunktion und berieselt die Insassen mit Entspannungsmusik und beruhigenden Grafik-Animationen.

Packaging stimmt noch nicht

Problemzonen: Ganz klar die Inneneinrichtung. Da ist noch sehr viel provisorisch, beziehungsweise komplett ohne Feinschliff. Diverse Elektro- und Stellmotoren reagieren verzögert, es knistert und knarzt bei jeder Bewegung, die allermeisten Ziernähte sind noch wenig vorzeigbar. Und: wer hinten liegen will, muss den Beifahrersitz ganz nach vorne schieben, sonst schubbern die Füße vorne an der Sitzlehne. Da stimmt das Packaging noch nicht wirklich.

Spannend: Zum Produktionsstart verspricht Faraday Future autonome Fahrfunktionen nach Level 3 (für die USA) und will dazu im Auto vorne einen Solid-State-Lidar-Lasersensor verbauen. Sprich: Der FF 91 soll tatsächlich die allermeisten Fahrfunktionen selbstständig übernehmen können. Davon wollen die allermeisten Konkurrenten aktuell nicht mehr viel wissen.

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Fazit

Wird das noch was, mit Faraday? Schwer zu sagen. Dass mit Carsten Breitfeld ein erfahrener Auto-Manager jetzt die Zügel in der Hand hält, macht Hoffnung. Seit Breitfeld an Bord ist, baut Faraday Future keine Luftschlösser mehr. Die verbliebenen Kräfte fokussieren sich darauf, ein Serienauto auf die Räder zu stellen. Obwohl dafür angeblich über 90% der Teile zur Verfügung stehen, bleibt das noch ein weiter Weg. Bei Faraday versprechen sie einen Serienstart „Ende 2020”. Das heißt es aber ehrlich gesagt seit fast zwei Jahren. Den Mitarbeitern wäre der Erfolg zu gönnen. Für potenzielle Kunden bleibt Faraday Future ein riskanter Deal: 5:000 Dollar werden für eine priorisierte Reservierung fällig. Das Auto in der zu Beginn einzig verfügbaren “Futurist Edition” soll um die 170.000 Euro kosten. Viel Geld. Für eine ungewisse Zukunft.

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