02/2022, Lordstown Endurance Elektro-Pickup Lordstown Motors via Facebook
02/2022, Lordstown Endurance Elektro-Pickup
02/2022, Lordstown Endurance Elektro-Pickup Produktion
02/2022, Lordstown Endurance Elektro-Pickup Lackierung
02/2022, NFL-Quarterback Joe Burrow für Lordstown Motors 27 Bilder

Erneute Turbulenzen bei Lordstown: Mehr Kapital, sonst kein E-Pick-up

Erneute Turbulenzen bei Lordstown Mehr Kapital, sonst kein E-Pick-up

Lordstown Motors kämpft weiter mit den eigenen Finanzen und braucht erneut viele Millionen Dollar. Das führt zu Verzögerungen beim Elektro-Pick-up Endurance.

Lordstown Motors? Wir erinnern uns: Eine Shortseller-Attacke hatte das Elektroauto-Start-up im Frühjahr 2021 in eine tiefe Krise gestürzt. Ein halbes Jahr später übernahm der Technologieriese Foxconn, der als Auftragsproduzent für Apples I-Phone groß geworden ist, das Werk in Lordstown, US-Bundestaat Ohio. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge soll der Kaufpreis 230 Millionen Dollar (aktuell knapp 206 Millionen Euro) betragen haben. Hinzu kommen 50 Millionen Dollar (fast 45 Millionen Euro), die die Taiwanesen ins Stammkapital von Lordstown Motors investiert haben mit dem Ziel, zusammen mit Lordstown elektrische Nutzfahrzeuge für internationale Märkte zu entwickeln.

Foxconn, auch bekannt unter dem Namen Hon Hai Precision Industry Co., versucht schon seit geraumer Zeit, in der Autoindustrie Fuß zu fassen. Kurz vor dem Lordstown-Deal gab der Konzern Kooperationen mit der Volvo-Mutter Geely sowie dem Zusammenschluss von FCA und PSA - Stellantis – bekannt. Zudem arbeitet Foxconn schon länger mit Tesla zusammen und zählt neuerdings mit Fisker einen weiteren Elektroauto-Neuling zu seinen Partnern. Mit Fisker soll der Elektrokleinwagen Pear ab 2024 ebenfalls im Werk in Ohio entstehen. Gleichzeitig halten sich hartnäckig Gerüchte, dass das Unternehmen zusammen mit seinem langjährigen Auftraggeber Apple ein eigenes Auto auf die Räder stellt.

Das Kapital reicht immer noch nicht

Das Auto-Start-up wird demnach nicht nur Mieter in der ehemals firmeneigenen Fabrik, sondern Foxconn soll sogar sogar offiziell die Fertigung des Endurance übernehmen. Immerhin hat die Finanzspritze Lordstown geholfen, die Entwicklung seines elektrisch angetriebenen Pick-ups weiter vorantreiben zu können. Davon war zuvor aufgrund der eingangs erwähnten Shortseller-Attacke und den folgenden tiefgreifenden Problemen nicht mehr unbedingt auszugehen gewesen.

Trotzdem braucht Lordstown Motors weiter frisches Kapital. Das liefert vor allem der neue Partner Foxconn, indem der taiwanesische Konzern die vereinbarten Kaufsummen für Werk und Anteile früher zahlt als ursprünglich vereinbart. Außerdem gibt Lordstown zusätzliche Aktien aus und verschiebt geplante Investition auf einen späteren Zeitpunkt. Der frühere Anteilseigner General Motors, der im Zuge des Werksverkaufs an Lordstown und des letztjährigen Börsengangs "als Geste des guten Willens" knapp fünf Prozent der Anteile übernahm, hat diese im letzten Quartal 2021 wieder verkauft. Welche Summe dabei floss, ist jedoch unbekannt; das Aktienpaket soll ursprünglich einen Wert von 75 Millionen Dollar (etwa 67,5 Millionen Euro) gehabt haben.

02/2022, NFL-Quarterback Joe Burrow für Lordstown Motors
Lordstown Motors via Facebook
"Ausdauer funktioniert": Football-Star Joe Burrow macht Werbung für Lordstown Motors. "Endurance" - so lautet auch der Modellname des Elektro-Pick-ups - lässt sich aber auch mit "Geduld" übersetzen. Die Zweideutigkeit passt irgendwie.

Wie "Reuters" berichtet, reicht das durch die verschiedenen Transaktionen eingenommene Geld trotzdem nicht, um die Endurance-Produktion endlich aufgleisen zu können. Wie der Nachrichtenagentur von Lordstown bestätigt wurde, benötigt der Hersteller dafür kurzfristig weitere 150 Millionen Dollar (aktuell umgerechnet gut 142 Millionen Euro). Besonders besorgniserregend: Trotz der 2021 getätigten Deals sank das Eigenkapital des Unternehmens im Zeitraum zwischen den ersten Quartalen 2021 und 2022 von 578 auf 204 Millionen Dollar beziehungsweise knapp 548 auf etwa 193 Millionen Euro.

Shortseller-Attacke bringt neue Führungs-Crew

Mitte Juni 2021 hatte eine Shortseller-Attacke zu Rücktritten bei Lordstown Motors geführt. Mit Steve Burns und Julio Rodriguez sind der Firmengründer und Geschäftsführer sowie der Finanzchef beim Elektroauto-Start-up zurückgetreten. Die beiden Führungskräfte zogen damit die Konsequenzen aus den massiven Schwierigkeiten, in die das Unternehmen seit den damit einhergehenden Enthüllungen geraten ist. Inzwischen steht mit Daniel A. Ninivaggi ein Manager an der Lordstown-Spitze, der schon mehrfach Führungspositionen in der Automobil- und Transportbranche bekleidete. Seit Mitte Oktober 2021 ist mit Adam Kroll zudem ein neuer Finanzchef an Bord.

08/2021, Daniel A. Ninivaggi Lordstown Chef CEO
Lordstown Motors / Twitter
Der neue Lordstown-Chef Daniel A. Ninivaggi versucht bei Dienstantritt, Optimismus zu verbreiten.

Ninivaggi ist immer noch damit beschäftigt, Lordstown aus dem tiefen Sumpf zu befreien, in den es durch besagte Shortseller-Attacke geraten ist. Das Phänomen des Shortsellings (auch bekannt als Leerverkauf) ist sehr umstritten am Wertpapiermarkt. Der Shortseller spekuliert dabei auf fallende Aktienkurse eines Unternehmens, wobei diese Wette oft mit schweren Vorwürfen in Richtung der betreffenden Firma einhergeht. Immer wieder prangern die Leerverkäufer aber auch Unternehmen an, die ihre Investoren tatsächlich täuschen. Beim Wirecard-Skandal beispielsweise halfen sie mit, die Missstände rund um den Finanz-Dienstleister aufzudecken, während die Behörden und private Ermittler wenig gegen die Machenschaften unternahmen.

"Fiktive Bestellungen" für den Endurance

Einer der bekanntesten Shortseller ist Hindenburg Research. Vor einigen Monaten brachte der Investor den Elektroauto-Hersteller Nikola in einer schwere Existenzkrise, indem er ihm unlautere Methoden bis hin zum Betrug vorwarf. Mit dem Ergebnis, dass die Aktie abstürzte, der Chef zurücktrat, das US-Justizministerium Ermittlungen aufnahm und sich namhafte Autohersteller und -zulieferer aus der Kooperation mit Nikola zurückzogen. Danach nahm Hindenburg Research mit Lordstown Motors das nächste E-Auto-Startup ins Visier und überzog es mit ganz ähnlichen Vorwürfen.

06/2020, Lordstown Endurance
Lordstown Motors
Wie kurz steht der Lordstown Endurance tatsächlich vor der Markteinführung?

Die zentrale Anschuldigung: Lordstown veröffentliche in Bezug auf sein Erstlingswerk Endurance, einem elektrisch angetriebenen Pickup (mehr dazu auch in der Bildergalerie oben im Artikel), nicht nur unkorrekte Bestellzahlen, sondern fälsche sogar Aufträge. Viele der bislang etwa 100.000 Bestellungen seien "fiktiv" und stammten beispielsweise von Briefkastenfirmen, Beratungsagenturen oder Kleinbetrieben, die angeblich dafür bezahlt wurden, bei Lordstown Bestellungen zu platzieren. "Viele der angeblichen Kunden betreiben weder Flotten noch haben sie die Mittel, die angegebenen Käufe tatsächlich zu tätigen", heißt es in der Veröffentlichung von Hindenburg Research. Das Start-up wolle mit dieser Strategie auf unlautere Weise zusätzliche Investoren anlocken und Kapital beschaffen.

"Kein verkaufsfähiges Produkt"

Ein weiterer Vorwurf: Lordstown gebe zwar schon lange vor, kurz vor Start der Serienproduktion zu stehen. Tatsächlich sollte diese zum damaligen Zeitpunkt jedoch mindestens drei oder vier Jahre entfernt sein. Dies gehe aus Gesprächen mit ehemaligen hochrangigen Mitarbeitern hervor, die Hindenburg Research zu dem Thema befragt habe. Zudem sei keine Testreihe des Elektro-Pickups zufriedenstellend abgeschlossen worden. Im Gegenteil: Im Januar 2021 sei ein Endurance-Prototyp nach zehn Minuten Testfahrt in Flammen aufgegangen.

03/2021, Lordstown Endurance Werk Ohio
Lordstown Motors
Der Lordstown Endurance soll in einem Ex-GM-Werk in Ohio gefertigt werden.

Lordstown Motors trat mit dem Ziel an, in einer ehemaligen General-Motors-Fabrik in der gleichnamigen Stadt seinen Elektro-Pick-up zu bauen. Dafür gab es hohe Fördergelder und sogar öffentliche Unterstützung vonseiten des damaligen US-Präsidenten Donald Trump. Kein Wunder, schließlich versprach Firmengründer Steve Burns, dort künftig mit 4.000 bis 5.000 Mitarbeitern bis zu 600.000 Autos pro Jahr zu bauen. Shortseller Hindenburg Research glaubt nicht, dass es dazu kommt; Lordstown Motors habe "kein verkaufsfähiges Produkt". Ein schlechtes Zeichen sei zudem, dass viele Führungskräfte nach dem Börsengang im Oktober 2020 bereits Anteile im Wert von 28 Millionen Dollar (knapp 23,5 Millionen Euro) abgestoßen hätten.

US-Börsenaufsicht SEC ermittelte

Hindenburg Research sah bei seiner Attacke Firmengründer und -chef Steve Burns als zentrale Figur in einem Netz aus fragwürdigen und unethischen Geschäftspraktiken. Die Zeit bei seiner vorherigen Firma, dem Nutzfahrzeug-Hersteller Workhorse, wurde von ähnlichen Vorwürfen begleitet und endete im Frühjahr 2019. Kurze Zeit später gründete Burns Lordstown Motors. Doch auch dieses Engagement endete nach kurzer Zeit vorzeitig.

Lordstown Endurance: Das ist die Rennversion für Baja-Rallyes

02/2021, Lordstown Endurance Baja Racer
Lordstown Motors / Facebook
02/2021, Lordstown Endurance Baja Racer 04/2021, Lordstown Endurance Baja Racer 04/2021, Lordstown Endurance Baja Racer 04/2021, Lordstown Endurance Baja Racer 11 Bilder

Aufgrund der Anschuldigungen von Hindenburg Research war auch die US-Börsenaufsicht SEC alarmiert. Sie leitete eine Untersuchung ein, bei der Lordstown nach eigener Aussage kooperierte. Der Elektroauto-Hersteller habe zudem im Vorstand ein spezielles Komitee gebildet, das die Vorgänge aufklären sollte. In einer Telefonkonferenz betonte Lordstown damals dennoch, dass das Unternehmen bei der Markteinführung des Endurance auf Kurs sei. Eine Testflotte mit ersten Beta-Prototypen sei unterwegs, und Lordstown hatte eine Rennversion des Endurance bei einer Baja-Rallye an den Start gebracht.

Nur 500 Autos für 2022 geplant

Der Ende Februar 2022 vorgestellte Bericht für das vergangene Geschäftsjahr lässt – zumindest kurzfristig – keine rosige Zukunft für Lordstown erwarten. Der Hersteller steckt noch immer in der Vorserien-Produktion und der finalen Testphase des Endurance fest; die reguläre Serienfertigung soll im dritten Quartal 2022 starten. Allzu viele Autos wird Lordstown in diesem Jahr jedoch nicht mehr fertigen: Bis zum Jahresende sollen 500 Autos das Werk verlassen. 2023 werden es nicht viel mehr sein: Der Hersteller plant im ersten vollen Produktionsjahr lediglich mit 2.500 Autos. Es dürfte also noch eine ganze Weile dauern, bis das Werk tatsächlich das nach Burns' Abgang angestrebte Fertigungsvolumen von 60.000 Autos im Jahr erreicht. Auch vom angekündigten zweiten Modell, das im Sommer 2021 vorgestellt werden sollte, fehlt weiterhin jede Spur.

06/2020, 2021 Lordstown Endurance
Lordstown Motors
Der Elektro-Pickup soll auf einem Skateboard-Chassis aufbauen, dass alle Antriebs-Komponenten enthält.

All die Hiobsbotschaften sorgen weiterhin für einen heftigen Sturz der Aktie: Vor den Veröffentlichungen von Hindenburg Research lag der Kurs AP zufolge bei 30,75 Dollar (umgerechnet 27,48 Euro) pro Aktie; Ende August 2021 war das Papier nur noch 6,61 Dollar (5,91 Euro) wert. Der Foxconn-Einstieg hat die Aktie zwar kurzzeitig ein wenig beflügelt (am 1. Oktober 2021 stand sie bei 8,44 Dollar beziehungsweise 7,54 Euro), aber inzwischen notiert sie nur noch bei 1,67 Dollar (1,58 Euro).

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Fazit

Nach dem von den Anschuldigungen verursachten Kurssturz und den ersten Ermittlungen der US-Börsenaufsicht SEC schien sich Lordstown wieder etwas stabilisiert zu haben. Doch es folgten weitere schlechte Nachrichten; vor allem die Abgänge des Firmen- und Finanzchefs weisen darauf hin, dass beim Elektroauto-Start-up vieles im Argen gelegen hat. Wie nachhaltig der Aufschwung durch die neuen Chefs und den Foxconn-Einstieg sein wird, muss sich erst zeigen. Deshalb erscheint es weiterhin fraglich, wann es die Firma endlich schaffen wird, den Endurance auf den Markt zu bringen – und ob es überhaupt dazu kommt.

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