In der Ferrari-Garage dürften sie schon zum Jubeln angesetzt haben: Max Verstappen feuerte seinen Red Bull während seines letzten Versuchs der Spielberg-Qualifikation (27.6.) in Kurve 9 in die Wand. Der Niederländer befand sich auf Kurs, die gerade erst aufgestellte Bestzeit von Charles Leclerc zu unterbieten. Eine halbe Zehntelsekunde hinter dem Monegassen lag Teamkollege Lewis Hamilton auf dem zweiten Rang. Die umgehend verhängte gelbe Flagge zwang die Piloten hinter Verstappen zum langsamen Fahren. Die erste Startreihe für die Scuderia schien geritzt.
Doch auf einmal ploppte George Russell als Erster auf dem Zeitentableau auf. Sofort glaubten alle, dass die Runde des Mercedes-Manns von der Rennleitung annulliert werden würde. Kurz darauf blinkte auch die Meldung über ein Vergehen unter gelber Flagge auf. Russells Renningenieur Marcus Dudley hatte seinen Schützling über die Gefahrensituation informiert.
"Ich habe stark gelupft beim Kurveneingang. Ich habe etwas mehr als eine Zehntelsekunde verloren", erklärte der Pole-Setter noch am Funk. Nach der Session hob die Rennleitung die Meldung wegen des möglichen Vergehens wieder auf. Warum? Es hatte sich nur um eine gelb-geschwenkte Flagge gehandelt. Wäre doppelt Gelb geschwenkt worden, hätte das kurze Lupfen nicht ausgereicht. Bei Doppel-Gelb müssen die Fahrer unmittelbar in der Lage sein, das Auto anzuhalten.

George Russell schnappte sich dank seiner Erfahrung die Pole-Position in Spielberg.
Russell sieht sich im Recht
"Das leichte Liften reicht, damit man voll in der Kontrolle seines Autos ist. Die Entscheidung war korrekt", erklärte Russell nach der Qualifikation. "Zuerst habe ich gedacht, dass die Runden von George und Kimi [Antonelli] im Eimer sind. Aber dann hat es George superclever gemacht. Es war nur eine Single Yellow, er hat einen 100-Meter-Lift gemacht und für ihn freut es mich ganz besonders", lobte Teamchef Toto Wolff seinen Angestellten.
"Du siehst auf deinem Dashboard, ob es Single- oder Double-Yellow ist." Das hatte Wolffs zweiter Chauffeur falsch eingeschätzt. Kimi Antonelli befand sich ebenfalls auf einer starken Runde, brach wegen des Verstappen-Unfalls die Runde jedoch ab. "Das ist eine Erfahrungssache. Da kommt die Erfahrung George zugute", nahm Wolff den WM-Führenden in Schutz. "Ich habe einen Fehler bei der gelben Flagge gemacht", war Antonelli etwas enttäuscht. Der Italiener startet nun lediglich von Platz vier.
Auch wenn Russell sich korrekt verhalten hatte, brannte im Fahrerlager eine Diskussion auf. War die einfache gelbe Flagge überhaupt ausreichend? Max Verstappen war immerhin in der schnellsten Kurve der Rennstrecke abgeflogen. Die Autos haben dort rund 250 km/h auf dem Tacho. Es gab nicht wenige Experten und Journalisten, die sich für eine doppelt geschwenkte gelbe Flagge in der Situation aussprachen.
Mercedes Top-Favorit
Für Russell ist die jetzige Konstellation allerdings ideal. Die Ferrari können seinem Teamkollegen im Titelkampf wichtige Punkte wegnehmen. Aktuell hat Antonelli 50 Zähler Vorsprung auf den Briten. Zwischen den beiden liegt noch Russells Landsmann Hamilton, der 41 Punkte Rückstand hat.
In der Qualifikation waren die Mercedes vor allem im letzten Sektor überlegen. Rund zwei Zehntel waren die Silberpfeile schneller als die Gegner. "Das ist High-Speed. Das liegt unserem Auto. Die Doppellinks und dann die vorletzte Rechtskurve. Wenn da das Auto viel Downforce hat, was unseres hat in den schnellen Ecken, dann fährt es wie auf Schienen", führte Wolff aus.
Ein Gegner in Österreich könnte die Hitze werden. Am Samstag herrschten 33 Grad Celsius Lufttemperatur und der Asphalt hatte sich auf 53 Grad Celsius aufgeheizt. Es wird auf das Reifen-Management ankommen. Hier hatte Ferrari in Barcelona die Nase vorne. "Es wird sehr heiß. Die Ferrari sehen gut aus in den Kurven. Vielleicht haben sie etwas zu viel Luftwiderstand. Das könnte gut für uns sein", orakelte der clevere Russell mit einem Grinsen nach seinem Quali-Coup.












