Das neue Technik-Reglement hält die Formel 1 weiterhin in Atem. Die Kritiker innerhalb und außerhalb der Motorsport-Blase sind trotz zahlreicher Anpassungen immer noch nicht verstummt. Der Automobil-Weltverband FIA hat in Absprache mit den Teams über die gesamte Saison die Regeln verändert.
Der kommende Grand Prix in Miami (3.5.) hat, wie bereits vor einigen Wochen berichtet, neue Vorschriften für das komplizierte Energiemanagement vorzuweisen. Statt der acht sind nur noch sieben Megajoule für das Aufladen der Batterie erlaubt. Zudem dürfen die Autos erstmals die vollen 350 Kilowatt beim sogenannten Superclipping rekuperieren. Vorher war es lediglich möglich mit 250 kW auf diesem Weg den Speicher zu füllen. Diese Maßnahmen sollen die Sicherheit erhöhen, weil sich die Regelhüter weniger Lift-and-Coast-Phasen erhoffen. Die Geschwindigkeitsunterschiede einzelner Autos sollen in der Theorie sinken und die Fahrer vor gefährlichen Situationen schützen.
Wie die FIA nun ebenfalls verkündete, wird man ab Miami die Starts aller 22 Rennwagen überwachen. Während der ersten drei Grands Prix kam es zu mehreren brenzligen Momenten, weil einzelne Fahrzeuge kaum aus den Blöcken kamen. In Australien konnte Franco Colapinto (Alpine) dem Racing Bull von Liam Lawson gerade noch ausweichen und einen massiven Unfall verhindern. "Wir waren besorgt wegen des Turbolochs, dass extrem langsame Starts häufiger vorkommen könnten. Wir hatten natürlich den Lawson-Start in Australien, was ein Beispiel dafür war, was schiefgehen kann. Und ganz klar wollten wir das vermeiden", erklärte der FIA-Direktor für Formelautos Nikolas Tombazis.

Ein neues System soll das Risiko von langsamen Autos beim Start reduzieren.
So will die FIA beim Start eingreifen
Das Problem ist das komplexe Zusammenspiel zwischen der MGU-K, dem Verbrenner und der Kupplung. Passen diese Parameter nicht, kommt ein Auto kaum vom Fleck. Die FIA sieht nun vor, den rollenden Schikanen unter die Arme zu greifen, wenn sie in Schwierigkeiten sind. Sensoren sollen den Bordcomputer erkennen lassen, dass der Wagen nicht genügend Power hat, um auf Tempo zu kommen. Dafür soll die MGU-K Leistung zuschießen. Aktuell ist das Einsetzen der Energie-Rückgewinnung erst ab einer Geschwindigkeit von 50 km/h erlaubt.
Das neue "Low-Power-Start-Detection-System" soll wie folgt funktionieren:
- Überwachung: Sensoren messen die Beschleunigung unmittelbar nach dem Start.
- Notfall-Eingriff: Fällt der Wert unter ein kritisches Minimum, schaltet die FIA-Software automatisch zusätzliche Leistung der MGU-K frei.
- Sichtbarkeit: Zeitgleich blinken helle Warnlichter am Heck, um die Konkurrenz vor dem langsamen Fahrzeug zu warnen.
Ziel ist es, das betroffene Auto so schnell wie möglich aus der unmittelbaren Gefahrenzone der ersten 100 Meter zu katapultieren.

Der FIA-Direktor für Formelautos Nikolas Tombazis droht möglichen System-Tricksern.
Der Präventivschlag gegen die Trickser
Im hypernervösen Umfeld der Formel 1 schießen bei dem neuen System sofort Bedenkenträger aus dem Boden. Die Sorge geht um, dass die Teams absichtlich versuchen werden, diesen Mechanismus zum eigenen Vorteil zu nutzen. "Das ist eine reine Sicherheitsfunktion", stellte Tombazis unmissverständlich klar. "Was das Sytem umwandeln würde, ist ein katastrophaler Start in einen schlechten Start. Es würde keinen schlechten in einen guten umwandeln", beruhigte der Grieche bereits im Vorfeld des Miami-GP, bei dem lediglich gemessen werden soll, wie die Autos während des Sprints und des Rennens starten.
Zudem hat die FIA bereits angekündigt, bei jedem Auslösen des Systems die Telemetriedaten penibel zu prüfen. Wer das System provoziert, um einen Vorteil zu erlangen, riskiert Strafen. Zuerst schwebte den Regelhütern das Verhängen einer Durchfahrtsstrafe vor. Auf Bitten der Teams will man aber von dieser bei Tricksereien absehen. Welche Strafen die FIA im Ernstfall verhängen würde, kommunzierte Nikolas Tombazis nicht. "Wir haben klargestellt, dass dies in erster Linie kein Mechanismus sein soll, der Menschen dazu verleiten könnte, dies absichtlich zu tun", berichtete der 58-Jährige gegenüber den Medienvertretern von seinem Appell an die Teams.












