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Brandgefährliche Elektroautos

Schutzdecke statt Totalschaden im Tauchbad

Verunfallte oder beschädigte E-Autos musste die Feuerwehr wegen der Brandgefahr der Akkus teils in Wasser versenken. Eine neu entwickelte "Verpackung" soll schadlos denselben Effekt haben.

Der ADAC hat bisher keine Anhaltspunkte dafür, dass Elektroautos bei Unfällen eher zur Entzündung neigen als Autos mit Verbrenner und Treibstofftank. Selbst bei den Euro-NCAP-Crashs ist bisher kein Elektroauto in Flammen aufgegangen. Aber Brandgefahr ist dennoch ein heikles Thema bei beschädigten E-Autos, vor allem für lange Zeit.

Gerät eine Batterie in Brand, heizen brennende Zellen nämlich ihre Nachbarzellen permanent auf, bis diese ebenfalls anfangen zu brennen. Der Fachmann spricht hier von einem "Thermischen Durchgehen" (Thermal runaway). Dieses Thermische Durchgehen und die Feuerentwicklung können auch erst Stunden nach dem Auslöser des Defekts auftreten. Auch wenn der Thermal Runaway nicht verhindert werden konnte, muss mit viel Kühlwasser gelöscht werden. Das dauert viel länger als bei Verbrennungsmotor-Fahrzeugen. Etliche Feuerwehren versenken daher brennende E-Autos zum Löschen oder sogar nur beschädigte Fahrzeuge mit Hochvoltbatterien zur Sicherheit in Wasser-Containern – so geschehen bei einem rauchenden, aber ansonsten unbeschädigten BMW i8 in Brabant.

Rauchender BMW i8: Tauhen statt löschen

BMW i8
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Eine Stoffhülle, die Löschgase enthält

Für diese Fälle hat die Firma Gelkoh eine Stoffgarage namens "Libarescue" entwickelt, die einen Brand verhindern soll, wenn das E-Auto darin verpackt ist. Markus Kohten ist Entwickler und Patentnehmer des neuen Produkts, für dessen Herstellung er mit dem Textilspezialisten Ibena zusammenarbeitete. Mit seiner Firma Gelkoh ist Markus Kohten seit acht Jahren auf Schutzprodukte rund im Lithium-Ionen-Akkus spezialisiert. Seine Neuentwicklung scheint ein Volltreffer zu sein. Im Gespräch mit auto motor und sport sagt er: "Seitdem wir Libarescue bekannt gegeben haben, steht das Telefon kaum mehr still". Potenzielle Kunden seien die Autohersteller, die die Schutzdecke für ihre Versuchsfahrzeuge und ihre Werksfeuerwehren wollen, nach den öffentlichen Feuerwehren seien auch Abschleppunternehmen und Autohäuser interessiert.

Vermutlich, weil die Anwendung nicht für den Brandfall gedacht, sondern präventiv und denkbar einfach ist. Oliver Tatsch, Vertriebsmann bei Ibena meint, das Verpacken des Fahrzeugs in die Rettungsdecke sei mit zwei Mann in drei Minuten erledigt. Dafür müsse das E-Auto allerdings auf den unteren Teil der Schutzumhüllung geschoben werden, anschließend werden die anderen Teile mit Reiß- und Klettverschlüssen befestigt.

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Das brandgefährdete E-Auto muss auf dem Unterteil der Schutzhülle stehen.

Das reicht, denn die Hülle arbeitet nicht einfach durch Sauerstoffausschluss. Vielmehr sei "das Gewebe selbstverlöschend", so Tatsch. Markus Kohten erklärt, dass das Gewebe der Hülle Stoffe enthielte – welche, will er mit Blick auf Konkurrenten nicht sagen – die bei Temperaturen jenseits der 180 Grad Gase in der Hülle freisetzen. Entsteht in der Hülle am Fahrzeug ein Brand verhindern diese Gase die Oxidation, das Feuer erlischt.

Kohten war von Anfang an klar, dass das Gewebe mehrlagig sein muss. Libarescue besteht aus vier Schichten. Innen sitzen ein Funktionsmaterial mit einer Zusatzschicht zum Lackschutz. Schließlich wolle man das Fahrzeug, das dem Totalschaden durch Brand entgangen ist, nicht zu einem machen, weils zerkratzt wird, so Kohten. Ein saugfähiges Filtermaterial saugt Schadstoffe wie giftige Dämpfe oder austretende Flusssäure auf, eine Zwischenlage ist für die Hitzebeständigkeit zuständig, außen sorgt eine Aramidfaser, laut Kohten sieben Mal stabiler als Stahl, für extreme Reißfestigkeit. Selbst an Hybrid-Autos ist gedacht: Eine Keramikschicht am Bodenteil verhindert, dass austretender Kraftstoff in die Umwelt gelangen kann.

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Feuerwehrleute können die Libarescue mit Klett- und Reißverschlüssen um das Fahrzeug packen.

Tatsch verspricht sogar, dass die spezielle Stoffgarage auch eine Explosion überlebt: Das Gewebe habe eine extreme Gasdurchlässigkeit. Auch explosionsartig entweichende Gase sollen durch den Stoff entwichen können und ihn so nicht zerreißen. Die Gasdurchlässigkeit soll noch dazu Hitzestaus und daraus resultierende Entzündungen des Akkus verhindern. Kohten sagt, Gelkoh führe selbst am "Brandplatz" Härtetest mit dem neuen Produkt durch. Die Hülle ist hierzu auf ein würfelförmiges Stahlgestelle von zwei mal zwei Metern gespannt, so dass im Inneren ähnlich viel Luft-Sauerstoff gefangen ist, wie im Innenraum eines Fahrzeugs. Kohten berichtet, dass dass auch ein sechster Test mit einem großen, entzündeten Lithium-Ionen-Akku den immer selben Prototypen nicht zerstören konnte.

Die neue Supergarage ist natürlich nicht ganz billig. Der Markteinführungspreis für die als erstes erhältliche SUV-Variante liege bei 24.999 Euro – ohne Mehrwertsteuer. Markus Kohten betont aber, dass Libarescue auch leasingfähig sein wird. Bestimmt keine schlechte Idee für ein quasi unzerstörbares Produkt.

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... gering, aber die Decke ist eine gute Lösung für den Fall der Fälle.
... höher als bei Verbrennern, daran ändert auch die Libarescue-Garage nichts.

Fazit

Eine Brandschutzhülle, die selbst Explosionen standhält? Klingt nach James Bond, könnte aber vor allem für minder beschädigte Autos mit Lithium-Ionen-Antriebsbatterie die Rettung sein. Selbst wenn ihr Akku danach kaputt ist, vernichtet er nicht den Rest des Autos. Im Freien stehen sollten die Fahrzeuge freilich dennoch – aber sie stehen ja in einer Stoffgarage.

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