Die Herausforderungen fürs automatisierte Fahren sind bekanntlich groß – und vielfältig. Denn nicht nur die Technik mit all den Sensoren und der Software muss beherrscht werden, auch die Interaktion mit der Umwelt muss neu gedacht werden. Mercedes hat dafür bereits 2015 mit dem Forschungsfahrzeug F015 ein Konzept entwickelt, mit dem das fahrerlose Fahrzeug mit Fußgängern, Fahrradfahrern und anderen Verkehrsteilnehmern kommuniziert.
Die Idee damals: ein türkisfarbenes Außenlicht, mit dem das Auto signalisiert, dass es im automatisierten Fahrmodus unterwegs ist und sich deshalb möglicherweise anders verhält als ein menschlicher Fahrer. Dass so ein Kommunikationsmittel notwendig ist, zeigten schon damals die Studien des ehemaligen Futuristen von Mercedes, Alexander Mankovski. Der erklärt im Moove Podcast, wo der Unterschied zwischen der Fahrweise von Mensch und Maschine liegt und was die Verkehrsteilnehmer brauchen, um das Verhalten der Fahrmaschinen im Alltag richtig einschätzen zu können.
"Ein einfaches farbliches Signallicht vorn und hinten am Fahrzeug würde schon ausreichen, damit die Menschen sich auf das veränderte Verhalten des Fahrzeugs einstellen können", erklärt Mankovsky. Von außen sei sonst nicht zu erkennen, ob der Fahrer vorn nur sehr defensiv und langsam fährt, abgelenkt ist oder die Maschine auf maximale Risikoreduktion konditioniert wurde.
So viel zur Theorie – und die ist in Deutschland wohl der wahrscheinlichste, aber seltene Kontakt, den Autofahrer hier mit automatisierten Fahrzeugen haben. Denn sowohl Mercedes S-Klasse und als auch EQS mit dem Level 3 System Drive Pilot wurden nur in homöopathischen Mengen verkauft. Und auch BMW hat sicherlich nicht wegen zu großem Erfolg den Personal Pilot L3 im Zuge der Modellpflege im April 2026 den Selbstfahrassistenten von der Sonderausstattungsliste gestrichen.
Blaulicht in China: Nur für Polizei und Feuerwehr
In China sieht die Sache aber anders aus. Nicht, dass die Deutschen ihre Systeme hier besser an den Mann und die Frau bringen würden. Viel mehr gibt es dort sehr viel mehr Hersteller, die automatisierte Fahrfunktionen in ihren Autos anbieten und diese von den Kunden auch gern geordert werden. Der Mercedes-Idee folgend, haben die meisten Hersteller dort auch auf türkisfarbene oder bläuliche Signalleuchten gesetzt. Ironischerweise hat Mercedes das nicht – auch nicht für den CLA, der in China mit Level 2++ zu haben ist und oben in der Bildergalerie zu sehen. Der Grund: Das türkisfarbene Licht ist in China nicht erlaubt. In der Norm GB4785, die im Juli 2020 in Kraft getreten ist und die Außenbeleuchtung von Kraftfahrzeugen und Anhängern regelt, ist klar formuliert, dass nur die Farben Weiß, Gelb, Orange und Rot zulässig sind. Blau oder Türkis nicht – wenn man die Feuerwehr und Polizei außen vor lässt.
Über die Jahre hat sich in China dennoch ein Wildwuchs breit gemacht, bei dem jeder Hersteller nach anderen Kriterien ein meist türkisfarbenes oder blaues Lichtsignal nutzt, um den anderen Verkehrsteilnehmern zu zeigen, dass die automatisierte Fahrfunktion aktiv ist.
Seit 2022 leuchten Chinas autonome Autos blau
Da solch buntes Treiben nicht im Sinne der Regierung der Volksrepublik ist, hat das chinesische Ministerium für Industrie und Technologie (MIIT) Berichten zufolge Unternehmen angewiesen, die Ausstattung mit diesen Leuchten einzustellen. Zudem sei die Verwendung der türkisen und blauen Leuchten bei neu zugelassenen Fahrzeugen seit dem 27. Juli 2026 auch explizit verboten.
Eines der ersten Unternehmen, das die Automated Driving Systems Marker Lamp, wie die Leuchte offiziell heißt, in China auf die Straße brachten, war Li Auto im Jahr 2022 mit dem L9. Es folgten Xpeng, Nio, BYD und auch der Smartphone-Riese Xiaomi – allesamt wohl mit dem hehren Ziel, für mehr Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen und Aufmerksamkeit für das Fahrverhalten ihrer Fahrautomaten zu generieren – weiterhin aber allesamt ohne Genehmigung.
Das sorgt den Behörden zufolge für Probleme, denn ohne einheitliche Standards hat jeder Autobauer seinen eigenen Dialekt für die teils blauen, teils türkisen Leuchten entwickelt, verschiedene Einbausituationen erdacht und unterschiedliche Helligkeiten gewählt. Vor allem die letzten beiden Punkte sorgen dabei für die größte Kritik, denn bei einigen Fahrzeugen liegen die Leuchten direkt auf Augenhöhe des nachfolgenden Verkehrs und können blenden, was vor allem nachts und bei Regen zum Sicherheitsrisiko wird.
Die Zukunft der Kennzeichnungsleuchten
Daraus ergeben sich zwei Fragen: Zum einen, was passiert mit all den Fahrzeugen, die schon mit den blauen und türkisfarbenen Leuchten ausgestattet wurden und auf chinesischen Straßen unterwegs sind? Zum anderen, wie löst Mercedes das Problem eigentlich in Deutschland und in den Märkten, in denen sie ihr Level 3-System auf der Straße ist. Für Punkt eins gibt es noch keine Lösung, Medienberichten zufolge arbeiteten die Behörden aber daran.
Punkt zwei: Mercedes nutzt hierzulande das türkise Licht weiter – allerdings mit einer Testerlaubnis für Deutschland, ähnlich wie im US-Bundesstaat Kalifornien. Einzig in Nevada habe man bereits eine offizielle Zulassung für das türkisfarbene Licht erhalten, heißt es bei Mercedes.
Auf Rückfrage bei Mercedes wurde außerdem erklärt, dass man weiterhin aktiv in den Arbeitsgruppen der Normierungsgremien auf UNO-Ebene und anderen Gremien arbeite und bemüht sei, das türkisfarbene Licht zur Kennzeichnung aktivierter automatisierter Fahrfunktionen etwa in Europa zum Standard zu machen. Für China dürfte das allerdings kaum helfen. Denn die Volksrepublik bedient sich zwar immer wieder an den Normen und Vorstößen der UNECE-Regularien, ist aber nicht Mitglied und damit auch nicht verpflichtet, diese Regeln umzusetzen.












