07/2020, Werk Hambach Daimler Mercedes Smart Daimler AG
Smart EQ Fortwo, Exterieur
Smart EQ Fortwo, Exterieur
Smart EQ Fortwo, Exterieur
Smart EQ Fortwo, Exterieur 15 Bilder

Ineos hat Interesse an Smart-Werk Hambach: Grenadier statt Smart EQ

Ineos hat Interesse an Smart-Werk Hambach Grenadier statt Smart EQ

Daimler will das französische Werk verkaufen, in dem aktuell der Smart Fortwo EQ gefertigt wird. Nun meldet sich mit Ineos ein erster Interessent. Die Briten wollen dort den Geländewagen Grenadier bauen.

Daimler hat zwar längst angekündigt, die nächste Smart-Generation ab 2022 zusammen mit Kooperationspartner Geely in China zu bauen. Doch noch rollt der elektrisch angetriebene Zweisitzer (der Forfour EQ entsteht in Slowenien) von den Bändern des in Frankreich nahe der deutschen Grenze gelegenen Werkes in Hambach. Eigentlich gab es auch nach dem bevorstehenden Smart-Abgang eine Perspektive für den Standort. Noch vor zwei Jahren hieß es, dass dort das Kompaktmodell der neuen elektrischen Mercedes EQ-Familie gebaut werden soll (mehr dazu lesen Sie hier). Seitdem wurde viel Geld in das Werk investiert – damals war von 500 Millionen Euro die Rede -, um unter anderem neue Hallen für den Karosseriebau und die Oberflächenbehandlung zu errichten.

"Globales Produktions-Netzwerk straffen"

Doch dann kam die Corona-Krise, und mit ihr eine extrem tiefe Nachfrage-Delle, die auch Daimler in arge wirtschaftliche Schwierigkeiten beförderte. Das hat (gemeinsam mit dem hohen Investitionsaufwand für die zunehmende Digitalisierung und die Transformation der Elektromobilität) nun auch Konsequenzen für das Werk mit seinen etwa 1.600 Beschäftigten: Konzernchef Ola Källenius gab in einer offiziellen Mitteilung bekannt, dass er beabsichtige, "Gespräche über den Verkauf seines Pkw-Werks im französischen Hambach aufzunehmen". Um die Kapazitäten die zu erwartenden Marktentwicklungen (folglich der sinkenden Nachfrage) anzupassen, soll das globale Produktions-Netzwerk gestrafft werden. Das soll dabei helfen, die "Kostenstruktur nachhaltig zu verbessern und deutlich effizienter zu werden".

Smart EQ Fortwo, Exterieur
Rossen Gargolov
Im französischen Werk Hambach rollt derzeit noch der elektrisch angetriebe Smart Fortwo EQ vom Band.

Weiterhin heißt es in der Mitteilung: "Damit verbundene Bewertungseffekte des Anlagevermögens führen bei der Mercedes-Benz AG zu einem negativen Sondereffekt aus Restrukturierungsmaßnahmen von einem mittleren dreistelligen Millionenbetrag im zweiten Quartal." Heißt: Durch die Ankündigung, das Werk verkaufen zu wollen, fallen die Quartalszahlen, die in Kürze vorgestellt werden, noch schwächer aus als ohnehin schon. Zudem können "im weiteren Verlauf von Verhandlungen weitere Belastungen hinzukommen".

"Neue Optionen durch Covid-19"

Wann die Verhandlungen aufgenommen werden sollten oder ob es bereits Interessenten gibt, teilte Daimler in seinem ersten Statement nicht mit. Inzwischen bestätigten die Schwaben jedoch laut "Manager Magazin", "dass Ineos ein potenzieller Käufer sein kann und wir Gespräche führen werden." Demnach machte auch Dirk Heilmann das Interesse seines Arbeitgebers öffentlich: "Als Ergebnis der Covid-19-Pandemie haben sich neue Optionen wie diese ergeben, die uns vorher einfach nicht zur Verfügung standen", sagte der Autosparten-Chef des britischen Chemiekonzerns. Die wegen der Pandemie unterbrochenen Arbeiten in Wales und Portugal werde Ineos Automotive zunächst nicht wieder aufnehmen.

Ineos will mit dem kürzlich vorgestellten Grenadier (alles Wichtige zu diesem Auto lesen Sie hier) Ende 2021 eine Neuauflage des Land Rover Defender auf den Markt bringen. Das Projekt, die britische Offroad-Ikone wiederzubeleben, ist das Herzensprojekt des Ineos-Chefs Jim Ratcliffe. Der Brexit-Befürworter wollte die Produktion eigentlich zweiteilen: Mit in Portugal gefertigten Karosserien sollte der Grenadier in Wales endmontiert werden. Dafür wollte Ratcliffe in diesem Teil Großbritanniens 500 Arbeitsplätze schaffen.

Ineos Grenadier Teaserbilder
Ineos Grenadier Teaserbilder Ineos Grenadier Teaserbilder Ineos Grenadier Teaserbilder Ineos Grenadier Teaserbilder 16 Bilder

Frankreich will um Hambach-Erhalt kämpfen

Gut möglich, dass der Milliardär mit seiner neuen Idee seine Landsleute – und vor allem die Brexiteers unter ihnen – gegen sich aufbringt. Interessiert dürfte dagegen die französische Politik die neue Wendung zur Kenntnis nehmen. Die Regierung in Paris war nämlich ursprünglich wenig begeistert von Daimlers Verkaufsplänen. "Daimler muss alle Optionen offenhalten – einschließlich der, das Werk weiterzuführen", sagte der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire kürzlich dem Handelsblatt zufolge.

Le Maire scheint generell gewillt, hart um den Erhalt des Standortes in Lothringen zu kämpfen. Zumal die Beschäftigten vor wenigen Jahren finanzielle Zugeständnisse gemacht hatten, damit Daimler mehr Kapital zur Verfügung hat, das Werk weiterzuentwickeln. Die neue Perspektive könnten die Franzosen jedoch besänftigen. Und auch Daimler könnte sich so einigermaßen unbeschadet aus der Affäre ziehen. "Ein wichtiges Ziel ist für uns, die Zukunft des Standortes zu sichern", sagte Daimler-Vorstandsmitglied Markus Schäfer vor wenigen Tagen. Vorerst sei die Prämisse jedoch, dass die aktuellen Smart-Modelle weiter in Hambach produziert werden.

Umfrage

923 Mal abgestimmt
Ist es nachvollziehbar, dass Daimler das Werk Hambach verkaufen möchte?
Ja. Der Konzern hat sich das traurige Schauspiel lange genug angeschaut.
Nein. Gerade jetzt, wo der Durchbruch der E-Mobilität bevorsteht, braucht man das Werk.

Fazit

So schnell kann es gehen: Erst wenige Tage ist die Ankündigung von Daimler her, das Smart-Werk in Hambach aufzugeben, und nun zeigt bereits ein erster potenzieller Käufer Interesse. Klar ist, dass der mögliche Verkauf des Standorts zum jetzigen Zeitpunkt noch mit sehr vielen Fragezeichen versehen ist. Schließlich steht noch längst nicht fest, dass der – im Autobereich – mit Startup-Status versehene Ineos-Konzern den Grenadier überhaupt jemals auf die Straße bringt. Spannend ist die Sache aber allemal. Klar ist jedoch auch: Ob in Frankreich, Wales oder Portugal – irgendwo wird es dabei Verlierer geben.

Mercedes
Artikel 0 Tests 0 Baureihen 0 Videos 0
Alles über Mercedes