Während Nordkorea international weiter weitgehend isoliert bleibt, verändert sich in der Hauptstadt Pjöngjang offenbar das Straßenbild spürbar. Wie die Wirtschaftswoche unter Berufung auf Satellitenauswertungen des Geodaten-Unternehmens LiveEO berichtet, nimmt die Zahl privat genutzter Autos deutlich zu. Sichtbar werden volle Parkplätze, dichterer Verkehr und erste Staus – Entwicklungen, die in dem streng kontrollierten Staat bislang kaum vorstellbar waren.
Was Russland und Putin damit zu tun haben
Auslöser ist dem Bericht zufolge eine Kombination aus rechtlichen Änderungen und einer verbesserten Finanzlage eines kleinen Teils der Bevölkerung. In den vergangenen zwei Jahren soll Nordkorea den privaten Autobesitz formal geregelt haben. Haushalte mit Führerschein dürfen demnach erstmals über staatlich autorisierte Händler ein Fahrzeug erwerben. Neue Verkehrsregeln, darunter ein Rauchverbot am Steuer oder strengere Vorschriften für Fußgänger, deuten ebenfalls darauf hin, dass der Individualverkehr inzwischen eine größere Rolle spielt. Über neue Regelungen eines Tempolimits ist allerdings noch nichts bekannt.
Begünstigt werde diese Entwicklung nach Einschätzung der Wirtschaftswoche durch die wirtschaftlichen Folgen der engeren Zusammenarbeit mit Russland. Waffenlieferungen und die Entsendung nordkoreanischer Soldaten sollen dem Regime Milliarden an Devisen eingebracht haben. Das südkoreanische Institut für Nationale Sicherheitsstrategie (INSS) beziffert die Einnahmen aus diesen Geschäften für den Zeitraum von August 2023 bis Ende 2025 auf 7,7 bis 14,4 Milliarden US-Dollar. Die südkoreanische Zentralbank schätzt zudem, dass Nordkoreas Wirtschaft 2024 um 3,7 Prozent gewachsen ist – der höchste Wert seit acht Jahren.
Wer profitiert vom Autoboom?
Von diesem Aufschwung profitiert allerdings nur ein kleiner Kreis. Vor allem die wohlhabendere Schicht der sogenannten Donju, bestehend aus Unternehmern und Händlern, kann sich inzwischen ein eigenes Auto leisten. Für die breite Bevölkerung bleiben Fahrzeuge dagegen unerschwinglich. Nach Angaben internationaler Experten liegt das durchschnittliche monatliche Pro-Kopf-Einkommen bei rund 100 US-Dollar, während selbst einfache Autos umgerechnet zwischen 15.000 und 20.000 US-Dollar kosten sollen.
Dass tatsächlich mehr Fahrzeuge unterwegs sind, legen auch Handelsdaten nahe. Eine Auswertung chinesischer Zolldaten durch Reuters zeigt, dass die Lieferungen von Pkw-Reifen, Rückspiegeln sowie Schmierstoffen nach Nordkorea zuletzt deutlich zugenommen haben. Offiziell wurden aufgrund der geltenden UN-Sanktionen jedoch nahezu keine kompletten Fahrzeuge exportiert. Beobachter gehen deshalb davon aus, dass Autos auf anderen Wegen ins Land gelangen. Reiseberichte nennen vor allem Modelle chinesischer Hersteller, vereinzelt sollen aber auch Fahrzeuge deutscher Marken im Straßenbild auftauchen.
Infrastruktur noch überfordert
Mit dem wachsenden Fahrzeugbestand steigt zugleich der Bedarf an Infrastruktur. Satellitenbilder zeigen laut Wirtschaftswoche größere Parkplätze an neuen Wohnquartieren in Pjöngjang. Zudem entstehen offenbar zusätzliche Werkstätten, Servicebetriebe und Autohäuser. Selbst Fahrrad- und Motorradwerkstätten erweitern Berichten zufolge ihr Angebot um Kfz-Reparaturen und den Handel mit Ersatzteilen. Auch Autowaschdienste sollen sich zunehmend etablieren.
Langfristig könnte jedoch ausgerechnet die Energieversorgung zum Hemmschuh werden. Da viele Fahrzeuge aus China stammen und darunter offenbar zahlreiche Elektroautos sind, gewinnt auch der Ausbau der Ladeinfrastruktur an Bedeutung. Bislang existieren nach den Recherchen jedoch nur wenige Lademöglichkeiten, die überwiegend für Taxiflotten vorgesehen sind.












