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Tesla Battery Day 2020
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Analyst: „Tesla ist ein Übernahmekandidat“

Analyst über Elektroauto-Hersteller „Tesla ist ein Übernahmekandidat“

An der Börse wird Tesla gefeiert, ist mehr wert als VW, Toyota, Daimler, BMW und etliche andere Autobauer zusammen. Dr. Helmut Becker vom Münchner Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) aber glaubt, dass Tesla bald geschluckt wird. Warum?

Becker, einst Chefökonom von BMW, glaubt dass Tesla auch in Zukunft im Autogeschäft nicht rentabel arbeiten wird und inzwischen von der Konkurrenz eingeholt wurde: Nicht einmal als Monopolist habe Tesla Gewinne erzielt. "So etwas ist in der Wirtschaftstheorie eigentlich gar nicht vorgesehen. Jetzt muss er die Vormachtstellung mit anderen teilen und rutscht gleich ab. Der Elektroautomarkt ist dabei, sich zum Wettbewerbs-Massenmarkt zu entwickeln. Das war’s dann, Tesla wird geschluckt werden."

"Nahezu jeder Hersteller hat mittlerweile elektrische Antriebe im Programm, teilweise besser und auch billiger. Die Meute hat Tesla längst gestellt und ringsum eingekesselt. Tesla hat seine Schuldigkeit als Pionier getan", sagt der als Berater und Analyst arbeitende Becker der Zeitschrift auto motor und sport (Heft 12/2021). Inzwischen zeigten sich die Probleme des Unternehmens deutlich. Die deutsche Konkurrenz sei so stark geworden, dass Tesla Marktanteile verliere. "Im Vergleich zum April des Vorjahres hat Tesla bei den Neuzulassungen 23,8 Prozent verloren, während der Gesamtmarkt der Elektroautos im gleichen Zeitraum um 413,8 Prozent zugenommen hat.

Elektro Crossover Kaltvergleich Tesla VW Skoda Audi Kia Hyundai Collage
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Selbst das jüngste Tesla-Modell, das Model Y, ist auf dem E-Automarkt nur noch eines unter vielen.

Das Interview mit Dr. Helmut Becker ist Teil der Titelgeschichte von auto motor und sport Heft 12/2021 – ab 20. Mai am Kiosk oder hier im Shop.

Absatz der günstigeren Tesla-Modelle wächst

Frank Schwope, Analyst bei der Nord-LB, schreibt zum Gesamtabsatz im ersten Quartal 2021: "Tesla konnte die Fahrzeug-Auslieferungen im 1. Quartal 2021 gegenüber dem 4. Quartal 2020 nur leicht um 2,3 Prozent auf 184.877 Einheiten steigern." Der Modellmix verschiebt sich dabei für die Marge wenig vorteilhaft immer weiter zu den günstigeren Modellen: "Während die Auslieferungen der Modelle 3 und Y um 13,1 Prozent auf 182.847 Fahrzeuge stiegen, wurden lediglich 2.030 (-89,3 Prozent) Model S und X ausgeliefert". Von Model S und X hat Tesla laut Schwope – vermutlich wegen anstehender Modell-Updates – gar keine Fahrzeuge hergestellt.

Tesla Model S Facelift
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Nicht nur Becker hält Tesla an der Börse für völlig überbewertet. "Die Blase wird platzen. Das kann schnell gehen, wenn die Community erkennt, dass Tesla auf Dauer gegen die Konkurrenz keine Chancen hat", so der IWK-Analyst. "Wenn ein Autounternehmen Buchhaltungsgewinne nur durch Bitcoin-Spekulationen und den Verkauf von Emissionsrechten erzielt, ist das Ende nah." Zumal der Bedarf der anderen Hersteller an CO2-Ausgleich in Zukunft mit deren Einführung von immer mehr E-Autos immer weiter sinken wird.

11/2020, Jeep Grand Cherokee Trackhawk und Tesla Model 3 CO2-Pooling
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100 Millionen Dollar Gewinn durch Bitcoins

Tatsächlich ist Teslas Gewinn kaum aus dem Autogeschäft gespeist. Nord-LB-Analyst Schwope bemerkte zum Geschäftsergebnis von Tesla im ersten Quartal 2021: "Der Umsatz (…) ging gegenüber Q4 2020 leicht von 10,744 auf 10,389 Milliarden US-Dollar zurück. Hierin enthalten sind allerdings 0,518 Milliarden US-Dollar (Q4 2020: 0,401 Mrd.) "Regulatory Credits" (Emissionsrechte). Während das operative Ergebnis infolge der "Regulatory Credits" auf 0,594 Milliarden Dollar. (Q4 2020: 0,575 Mrd.) stieg, erhöhte sich das Ergebnis nach Steuern und Anteilen Dritter auf 0,438 Milliarden Dollar (Q4 2020: 0,270 Mrd.). Infolge des Bitcoin Handels erzielte der Konzern einen Gewinn in Höhe von 101 Millionen Dollar". Ausgerechnet Bitcoin – die Kryptowährung steht aus Nachhaltigkeitsgründen in der Kritik: Das so genannte Mining, die Berechnung der Datenketten zur Erzeugung der Digital-Währung, verbraucht so viel Strom wie die Niederlande.

Erlkönig VW ID. Buzz
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Angesichts des wenig soliden Autogeschäfts sieht Becker die positive Haltung des Landes Brandenburg zum Bau der Giga-Factory in Grünheide durch Tesla kritisch. "Als BMW sich um die Jahrtausendwende dort ansiedeln wollte, gab es auch keine Ausnahmen", erklärt der frühere BMW-Manager. "Die Bundesregierung muss hier hart bleiben, vor allem gegenüber der brandenburgischen Landesregierung. Es darf keine Lex Tesla geben (…)".

Dr. Helmut Becker vom Münchner Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)
IWK-München
Dr. Helmut Becker vom Münchner Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)

Tesla erwartet dauerhaft 50 Prozent Absatzwachstum – ist das realistisch?

Das US-Unternehmen selbst sieht seine wirtschaftliche Zukunft laut Schwope naturgemäß deutlich rosiger: "Auf Sicht über mehrere Jahre erwartet die Unternehmensführung ein durchschnittliches Wachstum der Fahrzeug-Auslieferungen von rund 50 Prozent. 2021 soll das Wachstum sogar darüber liegen. Die operative Ergebnis-Marge soll über die Jahre steigen und schließlich Höchstwerte im Automobil-Sektor erreichen. Noch dieses Jahr soll mit der Auslieferung des neuen Modells Tesla Semi begonnen werden. Gegenwärtig verfügt der Konzern über Produktionskapazitäten für rund 1,050 Millionen Autos pro Jahr".

BMW IX3, Ford Mustang Mach-E, Jaguar I-Pace, Mercedes EQC 400, Tesla Model Y, Volvo XC40 Recharge
Hans-Dieter Seufert
In einem E-Auto-Vergleichstest brillierte das Model Y zwar bei E-Antrieb, Ladung und Fahrleistungen sowie Verbrauch, musste aber wegen Komfort, Verarbeitung und Fahrwerk Kritik einstecken.

Abschließend meint Schwope Ergebnsi des ersten Quartals 2021: "Während die Umsatzerlöse die Markterwartungen trafen, blieben die Ergebnisgrößen von Tesla hinter den Markterwartungen zurück. Ein Großteil der Gewinne entfiel zudem erneut auf die "Regulatory Credits" und erstmals auch auf das Geschäft mit Bitcoins. Man kann fast den Eindruck bekommen, dass Tesla 2 Standbeine hat: Den Emissionsrechte-Verkauf und den Bitcoin Handel. Der eigentlich zentrale Pfeiler, der Verkauf von Autos, trägt hingegen immer noch nicht großartig zu den Gewinnen bei. Insbesondere der Bitcoin-Handel macht das Tesla-Geschäftsmodell noch ein Stück weit undurchsichtiger. Auch wenn Tesla im laufenden Jahr bei den Auslieferungen um mehr als 50 Prozent zulegen könnte, halten wir ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 50 Prozent über mehrere Jahre für unrealistisch. Der Produktionsstart in Brandenburg und Texas mag zwar offiziell noch in diesem Jahr erfolgen, aber nennenswerte Stückzahlen dürften die neuen Werke erst 2022 verlassen."

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Tesla
Den Fortschritt gibt's bei Tesla vielfach als Ankündigung von Elon Musk (rechts) auf großer Bühne - wie hier auf dem Battery-Day.

Besser als die Konkurrenz oder vage Wette auf die Zukunft?

Vom technischen Vorsprung des US-Unternehmens haben beide Analysten keine so hohe Meinung wie die Börsen. Becker sieht die Elektroautos der Konkurrenz offenbar auf ähnlichem Niveau und stellt – die zugegebenermaßen häufig zumindest zeitlich extrem optimistischen – Ankündigungen zu neuen Technologien wie etwa die des Battery Day (sihe Video und Bildergalerie) gar nicht in Rechnung. Und Schwope meint: "Tesla ist zwar Avantgardist mit deutlichem technologischen Vorsprung im Bereich der disruptiven Elektromobilität, allerdings sehen wir die Amerikaner bei der 2. Disruptions-Stufe – dem Autonomen Fahren – keineswegs enteilt. Hier dürften Waymo und Cruise ein ganzes Stück weiter sein".

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Dass der Aktien-Hype um Tesla völlig übertrieben ist, schätzt deshalb letztlich auch Schwope so ein: "Die exorbitante Kursentwicklung der Tesla-Aktie, die das Unternehmen teilweise teurer machte als alle europäischen, amerikanischen und japanischen Automobil Hersteller zusammen, betrachten wir als massiv überzogen. Wir empfehlen, die Tesla-Aktie bei einem Kursziel von 270,00 US-Dollar zu "Verkaufen". Am 21. Mai 2021 stand die Tesla-Aktie zwischenzeitlich bei 491,60 Dollar.

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... der größte Innovator seit Erfindung des Automobils und wird auch langfristig Erfolg haben.
... nur ein E-Autohersteller von vielen. Speziell ist nur der Chef. E-Autos gab es schon vorher und wird es auch nach Tesla geben.

Fazit

Dass Tesla nichts verdient, darauf haben nicht zuletzt die deutschen Autohersteller von Anfang an hingewiesen. Die ersten Gewinne des US-Unternehmens wurden ihnen entsprechend hämisch aufs Brot gestrichen. Das umgekehrte passiert nun natürlich mit dem Umstand, dass Tesla am Verkauf von Autos nicht wirklich verdient, sondern an Emissions-Zertifikaten und Bitcoins. Das ist allerdings längst nicht mehr von den etablierten Autoherstellern zu hören, die Tesla inzwischen als ernsthaften Konkurrenten anerkennen – siehe die zahlreichen Respektsbezeugungen von VW-Chef Herbert Diess.

Die Kritik an Teslas Geschäftsmodell kommt inzwischen von Analysten – was angesichts das Höhenflugs der Aktie gerechtfertigt wirkt und nicht verwundert: Wenn die Wetten an der Börse immer weiter in die Zukunft reichen, müssen kühl Kalkulierende die Eintritts-Wahrscheinlichkeit des technischen "Big Bang" stärker gewichten und werden entsprechend vorsichtiger investieren.

Tatsächlich scheint das im Bezug aufs autonome Fahren gerechtfertigt, wenn man die anhaltenden Probleme um Teslas Autopilot in Rechnung stellt. Ein Vorsprung bei der Elektronik wirkt also zunehmend unsicher, der Vorsprung beim Elektroantrieb dürfte weiter schrumpfen, vielleicht sogar so weit, dass er irrelevant wird.

Was bleibt ist eine gewisse Weltuntergangs-Historie. Tesla wurde über viele Jahre abgeschrieben. Bislang hat es Elon Musk aber immer geschafft, sich davon nicht allzu sehr beeindrucken zu lassen. So oder so: es bleibt spannend.

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