In Maranello sind neue Zeiten angebrochen. Obwohl die silberne Konkurrenz an der WM-Spitze zu Saisonbeginn jedes Rennen ein Stück weiter wegziehen konnte, brach bei Ferrari keine Panik aus. Die Teamführung hatte einen langfristigen Plan aufgestellt, in dem ein Rückstand zum Saisonstart einkalkuliert war.
Im Zentrum der Strategie standen vier Buchstaben: ADUO. Der neue FIA-Mechanismus wurde als Lehre aus der Mercedes-Übermacht von 2014 ins Reglement geschrieben – eine Art technischer Notausgang, damit ein Motorenhersteller nicht jahrelang allein auf weiter Flur fährt. Die Idee dahinter: Wer hinterherhinkt, darf nachrüsten. Nicht auf einen Schlag, aber Schritt für Schritt, bis die PS-Lücke kleiner wird.
Ferrari hatte den Plan geschmiedet, das Angleichungstool strategisch zu nutzen. Dass der eigene V6 zu Saisonbeginn noch nicht auf Augenhöhe lag, nahm man billigend in Kauf. Die Italiener bauten bewusst einen kleineren Turbo ein, mit mehr Punch beim Start und einem besseren Ansprechverhalten untenrum, dafür etwas weniger Top-End-Power. Dazu packte die Aero-Fraktion noch einen kleinen Flügel hinter das Auspuff-Endrohr. Das Winglet spendiert ein paar zusätzliche Punkte Abtrieb, klaut durch den höheren Abgasgegendruck aber etwas Leistung.

Ferrari hatte selbst nicht dran geglaubt, dass man schon in Barcelona um den Sieg kämpfen kann.
Spielberg-Upgrade soll PS-Rückstand halbieren
Beim grundlegenden Motorkonzept nahm man in Maranello ebenfalls Einbußen zum Saisonstart in Kauf. Die Ingenieure legten das Aggregat absichtlich auf hohe Temperaturen aus, was der Aerodynamik durch den Einbau kleinerer Kühler zugutekommt. Dafür wurde ein Zylinderkopf aus einer speziellen Stahllegierung entwickelt, der widerstandsfähiger gegen Hitze ist und höhere Drücke im Brennraum erlaubt.
Die FIA-Analyse nach dem ersten Messzyklus lieferte dann das erwartete Ergebnis: Ferrari liegt bei der Motorleistung mehr als vier Prozent im Rückstand. Damit gaben die Schiedsrichter grünes Licht für mindestens zwei Upgrades noch in dieser Saison. Die erste Entwicklungsstufe soll schon zum Rennen in Spielberg einsatzbereit sein. Das aktuelle Defizit von etwa 25 PS soll dann mehr als halbiert werden.
In Barcelona glaubte Ferrari trotz eines neuen Aero-Pakets lange nicht daran, Mercedes ernsthaft ärgern zu können. Zu groß war zuvor die Lücke, gerade auf klassischen Rundstrecken. Aber dann funktionierten die Änderungen am Unterboden, dem Frontflügel und der Nase so gut, dass Lewis Hamilton in der Qualifikation plötzlich mitten im Silberpfeil-Wohnzimmer stand. Nur sechs Hundertstel fehlten dem Engländer zur ersten Pole-Position des Jahres.

Lando Norris warnt vor einer Ferrari-Übermacht, sollte das Motoren-Upgrade wirklich einschlagen.
Dominiert Ferrari mit neuem Motor?
Im Rennen drehte der Rekordsieger dann richtig auf. Auch ohne die gut getimte VSC-Phase hätte Hamilton den Barcelona-Grand-Prix wohl gewonnen. Sein Vorteil bei freier Fahrt betrug zeitweise mehr als eine Sekunde. "Sie haben uns schon in der Qualifikation überrascht. Im Rennen war ihre Pace einfach nur krank", zeigte sich George Russell beeindruckt.
Auch Lando Norris konnte nach dem Rennen nur staunen: "Wir haben Glück, dass Ferrari aktuell keinen besseren Motor hat. Wenn sie einen besseren Motor bekommen, werden sie alles dominieren. Sie sind jetzt schon an der Spitze des Feldes, was den Speed in den Kurven angeht. Wir liegen da nicht einmal in der Nähe. Wenn sie jetzt auch noch den Motor verbessern, werden sie alle anderen lächerlich machen."
Man darf gespannt sein, ob der große Masterplan am Ende aufgeht. In der Teamwertung beträgt der Rückstand bereits 72 Punkte. Im Fahrerklassement fehlen Hamilton 41 Zähler auf Spitzenreiter Kimi Antonelli. Sollte die Ausbaustufe tatsächlich wie geplant beim nächsten Rennen in Spielberg (28.6.) gezündet werden, sollten wir schnell eine Antwort bekommen, ob diese Saison tatsächlich noch einmal spannend wird.












