Alles schien angerichtet für den zweiten Saisonsieg für George Russell in dieser Saison und den siebten für das Mercedes-Team. Der Engländer hatte im Barcelona-Qualifying (13.6.) die Pole-Position erobert. Sein Teamkollege Andrea Kimi Antonelli musste sich sogar Lewis Hamilton im Ferrari geschlagen geben. Zwar war der Altmeister stark in der Zeitenjagd, doch so wirklich hatte niemand damit gerechnet, dass der ehemalige Mercedes-Chauffeur im Rennen eine Gefahr werden könnte.
Das erste Ausrufezeichen hatte Ferrari schon am Start gesetzt. Die roten Strategen schickten ihre Hoffnung auf dem weichen Reifen ins Rennen. Mercedes gab beiden Piloten den Medium-Pirelli mit für den Stint. Bei Asphalt-Temperaturen von 50 Grad Celsius und den Mischungen C2 bis C4 war klar, dass das Reifen-Management über den Erfolg entscheiden würde.
Nach einem starken Start hatte Russell an der Spitze alles im Griff und konnte einen Vorsprung von rund drei Sekunden herausfahren. Bewegung brachte Hamilton-Stopp in Runde 11 rein. "Lewis ist auf einer Drei-Stopp-Strategie", erkannte der Führende. Mercedes hielt zwar an der Taktik fest, mit nur zwei Wechseln die 66 Runden zu absolvieren, doch man holte Russell einen Umlauf nach Hamilton rein. Die Silberpfeile wollten die Track-Position halten.

Zu Beginn des Barcelona-Rennens hatte George Russell noch alles im Griff.
Russell bricht ein
Das klappte, aber Hamilton war im zweiten Stint auf dem harten Reifen näher dran am Mercedes-Piloten. Auch Antonelli kam besser in Schwung und reduzierte sukzessive den Abstand auf die beiden Engländer. Als Hamilton in Runde 29 zum zweiten Mal die Pirellis wechselte, kam es zum ersten Duell zwischen den Rivalen. Russell hielt dagegen. Der Zweikampf kostete beide Fahrer wertvolle Zeit. Dann pfiff Antonellis Renningenieur Peter Bonnington seinen Schützling zurück: "Fahrt nicht gegeneinander. Dann werden unsere Rundenzeiten schlechter."
Russell stoppte in der 36. Runde, während Antonelli einen Umlauf später zum letzten Mal die Box ansteuerte. Hamilton hatte dank des Undercuts beide überholt und war auch auf dem bereits älteren Medium-Reifen noch schnell unterwegs. Antonelli folgte Russell weiterhin wie ein Schatten.

Der Zweikampf der Mercedes-Piloten kostete im Kampf gegen Lewis Hamilton viel Zeit.
VSC-Phase trifft Mercedes hart
Unter normalen Umständen hätte sich Hamilton nach dem dritten Stopp an beiden vorbeikämpfen müssen, doch dazu kam es nicht. Eine VSC-Phase, die Fernando Alonso wegen seines stehengebliebenen Aston Martins ausgelöst hatte, gab Ferrari die Chance, Hamilton an die Box zu rufen. Der Superstar sparte rund zwölf Sekunden und kam knapp vor beiden Mercedes raus.
Hätte man am Kommandostand Antonelli früher an Russell vorbeigewunken, wäre zumindest der Italiener auf der Strecke vor dem Engländer geblieben. So verschwand der Rekordsieger mit frischeren Reifen an der Spitze. "Wir haben das Team-Game gespielt und das hat uns vielleicht den Sieg gekostet. Der Kimi hätte die Pace von Lewis gehen können, aber er kam nie dazu. Wir haben die Plätze nicht getauscht, aber wir haben bestimmt fünf bis sechs Sekunden verloren als die beiden gegeneinander gekämpft haben" erklärte Teamchef Toto Wolff nach dem Rennen.
Antonelli rollt aus
Der Erfolg wäre aber nur möglich gewesen, wenn Antonelli auch das Rennen beendet hätte. In Runde 61 attackierte er Russell erneut und presste sich vor Kurve 1 vorbei. Sein Teamkollege schob den Youngster dabei fast in die Wiese. Doch nur eine später rollte der Mercedes von Antonelli aus. Das Team gab an, dass es sich um einen elektrischen Defekt gehandelt hatte.
"Es kann nicht passieren, wenn du um eine WM fährst, dass du abwechselnd mit einem Auto Ausfälle hast. Ich bin über gar nichts heute zufrieden", war der Österreicher angefressen. In Kanada war Russell mit einem Defekt ausgerollt. Dank des Ausfalls seines Widersachers verkürzte der 28-Jährige seinen Abstand in der Fahrer-WM auf 50 Punkte.
Wie ein Sieger durfte sich der Pole-Setter aber nicht fühlen: "Im ersten Stint war die Pace gut, dann wurde es schwieriger. Es ist nicht das Ergebnis, das ich mir gewünscht hatte, und Lewis liegt in der Weltmeisterschaft vor mir." Sein Teamkollege Antonelli hat in der Tabelle 41 Zähler Vorsprung auf den Barcelona-Sieger. "Ich fühle mich etwas leer. Aber so ist es halt. Die Pace war gut heute. In Stint zwei und drei war ich schnell. Es ist schade, drei Runden vor Schluss auszufallen."












