Eigentlich hätte sein 100. Rennen für Mercedes der große Befreiungsschlag für George Russell werden sollen. Nach fünf Siegen in Folge für Kimi Antonelli wollte der Teamkapitän endlich den Konter gegen den internen Herausforderer setzen. Mit der Bestzeit in der Qualifikation und dem gewonnenen Start von der Pole-Position schien der Plan aufzugehen.
Doch im Laufe des Rennens verschlechterte sich die Pace des Engländers plötzlich. Auf dem Medium-Reifen im ersten Stint hatte Russell noch alles unter Kontrolle. Doch schon gegen Ende des zweiten Stints musste er sich plötzlich gegen Antonelli wehren. Und nach dem zweiten Boxenstopp konnte er das Tempo seiner Konkurrenten dann gar nicht mehr mitgehen.
Während Lewis Hamilton vorne teilweise mehr als eine Sekunde pro Runde wegzog, musste sich Russell im Stallduell geschlagen geben. Dass Antonelli kurz nach seinem Überholmanöver ausfiel, konnte bei Russell keine Freude auslösen. "Wir müssen jetzt erst einmal herausfinden, warum meine Pace im Laufe des Rennens immer schlechter wurde", erklärte der 28-Jährige nach der Zieldurchfahrt.

Über ein kleines Loch in der Nase wird der Mercedes-Frontflügel eingestellt.
Frontflügel falsch verstellt
Die Ingenieure hatten des Rätsels Lösung schon parat. Mit einem Tag Verspätung wurde auch die Öffentlichkeit informiert. Im Debrief-Video auf dem YouTube-Kanal des Rennstalls sorgte der stellvertretende Teamchef, Bradley Lord, für Aufklärung:
"Beim letzten Boxenstopp haben wir seinen Frontflügel leider falsch eingestellt, weil es ein Problem mit dem Einstell-Tool gab. Danach fuhr er mit einer sehr übersteuernden Balance, was seine Pace im letzten Teil des Rennens sicherlich negativ beeinflusst hat."
Bei Mercedes wird der Frontflügel über einen zentralen Mechanismus eingestellt, der sich in der Nase versteckt. Um den Anstellwinkel des Flaps zu verändern, muss ein Mechaniker mit einer Art Akkuschrauber und einem langen Aufsatz an der Stellschraube drehen. Die Richtung und die Anzahl der Umdrehungen können vor dem Service in das Tool einprogrammiert werden.
Offenbar drehte das Spezialwerkzeug den Flap nicht nach flacher, sondern steiler. Russell hatte damit nicht wie gewünscht weniger, sondern mehr Abtrieb auf der Vorderachse. Das sorgte dafür, dass sein Heck in den Kurven zu rutschen begann. Auf dem mehr als 50 Grad Celsius heißen Asphalt bedeutete das nicht nur den Verlust von Grip, sondern auch einen erhöhten Reifenverschleiß.

George Russell verlor im letzten Stint fast 20 Sekunden auf Lewis Hamilton.
Leichtes Spiel für Lewis Hamilton
So konnte Russell nicht mithalten, als Lewis Hamilton im letzten Stint fast 20 Sekunden Vorsprung rausfuhr. Die große Frage lautete, ob man den Ferrari-Sieg unter optimalen Umständen hätte verhindern können. Die Dreistopp-Strategie von Hamilton ging auch deshalb so gut auf, weil ihm eine VSC-Phase mit perfektem Timing zur Hilfe kam. Doch was wäre ohne die Geschenke passiert?
"Wir haben Zeit verloren, weil unsere beiden Piloten im zweiten und dritten Stint gegeneinander gekämpft haben", bedauerte Lord im Rückblick. "Natürlich hatte Ferrari etwas Glück mit dem virtuellen Safety-Car, das Lewis nach dem letzten Stopp vor unseren beiden Autos auf die Strecke brachte. Wäre das nicht passiert, hätte er sich durch das Feld kämpfen müssen."
Wie das Rennen dann ausgegangen wäre, werden wir aber wohl nie erfahren. "Es muss nicht heißen, dass wir ohne VSC ein anderes Endergebnis gesehen hätten. Aber wir wären sicher in einer besseren Position gewesen, um dieses Rennen zu gewinnen", analysierte der Toto-Wolff-Vertreter.












