Eine halbe Sekunde betrug der Rückstand am Ende der dritten Qualifikationsrunde. Und damit konnte George Russell fast noch zufrieden sein. In den Freien Trainings trennte die beiden Mercedes-Piloten teilweise noch deutlich mehr. Doch auch wenn es sich bei Spa-Francorchamps um die längste Strecke des Kalenders handelt, ist eine halbe Sekunde immer jede Menge Holz.
"George verliert in den Kurven zweieinhalb Zehntel, und er verliert auf den Geraden zweieinhalb Zehntel", rechnete Teamchef Toto Wolff nach der Quali-Session vor. Der Österreicher ist genauso frustriert wie sein Pilot. "Es ist so komplex mit diesen Power-Units, dass wir nicht genau erklären können, wo das Defizit auf den Geraden herkommt. Wir sind schon das ganze Wochenende am Analysieren."
Einige Experten hatten den Fahrstil von Russell in Verdacht. Wer in den Kurven zu viel Energie verbraucht, hat weniger Elektro-Power auf den Geraden. Bei McLaren glaubt man, dass hier der Unterschied zwischen Lando Norris und Oscar Piastri versteckt ist. Die Theorie: Wer nicht effizient genug in den langsameren Abschnitten unterwegs ist, der leidet darunter auf den Vollgaspassagen.

Russell verliert viel Zeit auf den Geraden - liegt der Rückstand an der Hardware?
Alter Motor Grund für den Rückstand?
Ein kleiner Rutscher hier oder etwas durchdrehende Reifen dort – und schon ist die Runde im Eimer. Dabei kommt es auch darauf an, die Gripverhältnisse richtig einzuschätzen und die Reifen im richtigen Fenster zu halten. Für Spa-Francorchamps heißt das: Wer mit zu kalten Reifen beginnt und in der La-Source-Haarnadel nicht den optimalen Grip findet, muss bei der Rekuperation auf ein paar Kilowatt verzichten. Das summiert sich im Laufe der Runde.
Doch Toto Wolff glaubt nicht an die Theorie, das Antonelli irgendetwas Besonderes in den Kurven anstellt, was Russell nicht kann. "Beide haben ja ganz offen die Daten des anderen und die gleichen Tools. Da kann man nicht irgendwie etwas anderes machen. Es geht nur um den rechten Fuß."
Wolff spekuliert stattdessen, dass der Rückstand etwas mit den Motoren zu tun haben könnte. Das Triebwerk bei Russell hat schon ein paar Kilometer Laufleistung mehr auf der Kurbelwelle. Er könnte im Laufe der Zeit etwas an Performance eingebüßt haben. "Dem müssen wir auf den Grund gehen", spornt der Teamchef seine Ingenieure an.

Russell hat viel mit dem Fahrstil experimentiert - ohne Erfolg. Auch die Ingenieure können nichts in den Daten erkennen.
Russell der Verzweiflung nahe
Russell selbst ist ebenfalls ratlos: "Wir haben irgendein Problem mit dem Speed auf den Geraden – wie schon in Silverstone. Wir dachten, wir hätten das Problem am Antrieb gefunden. Und haben das dann gefixt. Aber damit war ich immer noch zu langsam. Dann dachten wir, es sei der Fahrstil. Also habe ich unterschiedliche Fahrstile probiert. Das war aber auch nicht die Lösung."
Egal, was Russell versucht hat, das Ergebnis war immer das gleiche: "Ich verliere einfach astronomisch viel Zeit." An seiner eigenen Leistung habe Russell dagegen nichts auszusetzen. Die Runde im Q3 habe sich gut angefühlt. In den Kurven sei er am Limit unterwegs gewesen. Trotzdem kam es am Ende zu dem erwähnten Rückstand. "Kimi fährt aktuell in Top-Form. Es ist in einem fairen Kampf schon schwer genug, aber in der aktuellen Situation ist es einfach unmöglich", verzweifelt Russell.
Auch Wolff zeigt sich weiter beeindruckt von seinem italienischen Wunderkind. Selbst von den Problemen in der ersten Quali-Runde ließ sich der Teenager nicht aus dem Konzept bringen. Der Wind hatte zugelegt. Auf einmal passte die Balance nicht mehr. "In der Situation panikt er überhaupt nicht", verrät Wolff. "Sie verstellen den Flügel um ein Grad und dann fliegt das Auto wieder. Ganz easy."

Auch im zehnten Rennen des Jahres steht ein Mercedes auf der Pole-Position. Zum sechsten Mal ist es Kimi Antonelli.
Wer kann Antonelli stoppen?
Im Laufe der Qualifikation wurde der WM-Spitzenreiter dann immer schneller. Im Q3-Finale verpasste er schließlich der gesamten Konkurrenz eine Klatsche. Max Verstappen war mit drei Zehnteln Rückstand noch am nächsten dran – aber nur weil ihm das Windschatten-Spiel mit Isack Hadjar drei Zehntel schenkte.
"Ich habe einfach versucht, durch jede Kurve etwas mehr Speed mitzunehmen. Und das Auto war zum Glück stabil", gab Antonelli mit einem lausbübischen Lächeln zu Protokoll. Aktuell gelingt dem Italiener einfach alles. "Ich fühle mich wohl in diesem Auto, schon das ganze Jahr. Das Vertrauen in den langsamen und mittelschnellen Kurven ist da. Die Highspeed-Kurven sind hier nicht so entscheidend. Es kommt vor allem auf die Kurven 5 und 6 an und die letzte Schikane."
Auch der Mercedes-Fabrik in Brackley dankte das Ausnahmetalent. Die jüngsten Upgrades halfen vor allem bei der Performance auf den langen Geraden in Spa. Aber auch im kurvigen Mittelsektor präsentierte sich der W17 pfeilschnell. Am Rennsonntag muss Antonelli eigentlich nur die Statistik fürchten. Fast zwei Drittel der Rennen in Spa wurden nicht vom Mann auf der Pole-Position gewonnen. In den letzten vier Jahren gewann der Pole-Setter nicht ein einziges Mal.












