Im Formel-1-Fahrerlager wird immer noch heiß über die neuen Energie-Regeln diskutiert. Die FIA hatte in der Pause zwischen Miami und Montreal ein Statement veröffentlicht, in dem eine Erhöhung der Spritmenge für 2027 in Aussicht gestellt wurde. Im Prinzip stimmen alle Beteiligten dem neuen Power-Split von 60:40 (zu Gunsten des Verbrenners) zu, ließ der Weltverband verlauten. Die Änderung schien praktisch schon fix.
Doch am Donnerstag (21.5.) präsentierte sich Fahrerlager von Montreal ein ganz anderes Bild. Aus den Reihen der Motorenhersteller und der Teams gibt es noch jede Menge Gegenwehr. Längst nicht alle sind bei dem Vorhaben an Bord – zumindest nicht, was eine schnelle Änderung mit Blick auf die Saison 2027 angeht. Wie man hört, sollen vor allem Audi und Ferrari dem Vorhaben skeptisch gegenüberstehen.
Der Grund dafür ist der Umfang der Hardware-Anpassungen, den die Erhöhung der Spritmenge nach sich zieht. Alle Komponenten müssten stabiler ausgelegt werden. Vom Block bis zu den Kolben müssten alle Teile neukonstruiert werden. Für einen neuen Motorenhersteller wie Audi würde eine Einführung schon in der Saison 2027 einen riesigen Kraftakt bedeuten. In Neuburg ist man bei vielen Antriebskomponenten auf Zulieferer angewiesen. Entsprechend lang sind die Vorlaufzeiten. Hier peilt man eher die Saison 2028 für den 60:40-Split an.

Für neue Hersteller wie Audi wären grundlegende Antriebsänderungen kurzfristig kaum zu stemmen.
ADUO verkompliziert die Lage
Ein weiterer Grund, der gegen die schnelle Einführung spricht, ist das ADUO-Verfahren. Die Mercedes-Verfolger dürfen nach dem Kanada-Grand-Prix endlich beim Motor nachrüsten, wenn sie beim Verbrenner mehr als zwei Prozent im Rückstand liegen. Bei ihnen steht natürlich die schnelle Einführung der Upgrades ganz oben auf der Prioritätenliste und nicht die Anpassung des Motors an ein erhöhtes Spritlimit.
Mercedes darf als Marktführer nicht nachrüsten, könnte sich also frühzeitig auf die Modifizierung für den 60:40-Split konzentrieren. Beim WM-Spitzenreiter dementiert man aber, dass man sich einen eigenen Vorteil von der Nachjustierung verspricht. Schließlich würde das Maßnahmenpaket auch zusätzliche Prüfstandsläufe und eine Erhöhung des Entwicklungsbudgets beinhalten, damit alle den Mehraufwand stemmen können.
Neben Mercedes gibt sich auch Red Bull der Idee aufgeschlossen, die Spritmenge zu erhöhen und damit auf den angepeilten Power-Split von 60:40 zu kommen. Beide Teams betonen, dass sie die Maßnahme zum Wohle des Sports unterstützen. Im Fall von Red Bull spielt dabei sicher auch eine Rolle, dass Max Verstappen einer der größten Kritiker des aktuellen Reglements ist. Der Niederländer betonte in Montreal, wie wichtig der Schritt wäre, um die Probleme mit der Energie-Knappheit zu mildern.

Verstappen fordert schnelle Maßnahmen. Entsprechend offen gibt sich Red Bull für Anpassungen für 2027.
Müssen Teams neue Monocoques bauen?
Es gibt aber nicht nur bei den Motorenherstellern unterschiedliche Meinungen. Auch bei den Teams regt sich Widerstand. Neben den Änderungen an der Motor-Hardware hätte die Erhöhung der Einspritzmenge auch Auswirkungen auf den Rest der Autos. Mehr Sprit bedeutet größere Tanks, was in den meisten Fällen auch den Bau neuer Monocoques bedeuten würde. Die Folge wären zusätzliche Ausgaben in Millionenhöhe.
Viele Teams hatten für 2027 geplant, aus Kostengründen noch eine Saison mit den aktuellen Monocoques weiterzufahren. Die Mehrkosten für ein komplett neues Chassis würde man sich gerne sparen, selbst wenn das Budget-Limit entsprechend erhöht würde. Aktuell sitzen erst einmal nur die Motorenhersteller – inklusive Cadillac – mit der FIA am Tisch. Erst wenn das technische Reglement Änderungen am restlichen Auto verlangt, dürften auch die Teams mit abstimmen.
Fundamentale Fragen wie die Tankgröße oder Änderungen an den Monocoques müssten jetzt allerdings schnell beschlossen werden. Alle Teams befinden sich schon mittendrin in den Planungen für die kommende Saison. Nach einer schnellen Einigung für die Anpassung auf den gewünschten 60:40-Power-Split zur Saison 2027 sieht es allerdings aktuell nicht aus.

Aktuell sieht es nach einem Kompromiss für 2027 aus, der keine Änderungen an der Hardware nach sich zieht - weder für die Motorenhersteller noch für die Teams.
Kompromiss in zwei Stufen
Nach Informationen von auto motor und sport liegt auch schon ein neuer Kompromiss-Vorschlag auf dem Tisch, über den bereits diskutiert wurde. Dieser sieht für 2027 nur eine moderate Erhöhung der Einspritzmenge vor, die keine Änderungen an der Hardware nach sich zieht. Der größere Schritt, der dann endgültig zum anvisierten 60:40-Power-Split führt, soll demnach auf 2028 verschoben werden.
Für die Teams hat der Vorschlag keine negativen Konsequenzen. Sie sollen nicht gezwungen werden, größere Tanks und damit neue Monocoques zu bauen. Um bei der leicht erhöhten Einspritzmenge trotzdem ins Ziel zu kommen, könnten die Rennen im kommenden Jahr allerdings um ein paar Runden gekürzt werden. Wenn sich dafür die Action verbessert, wäre das sicher ein akzeptables Opfer.












