Seit 2021 fährt McLaren wieder mit Mercedes-Motoren. Nachdem der britische Traditions-Rennstall im letzten Jahr beide Weltmeisterschaften abgesahnt hatte, hat sich der Spieß in der Partnerschaft in dieser Saison nun sichtbar umgedreht. Das aktuelle Spitzenteam Mercedes gewann acht der vergangenen elf Rennen. Aktuell liegt der deutsche Rennstall 159 Punkte vor seinem Kundenteam.
Es scheint tatsächlich so, als könne das Werksteam mehr Leistung aus seinen Triebwerken abrufen als dessen Motorenkunde McLaren. Hinweise darauf, dass die Motoren-Partnerschaft nicht einwandfrei funktioniert, zeigten sich in diesem Jahr schon früh.
McLaren mit Fehlkalkulation
Bereits zu Beginn der Saison kam es zwischen McLaren und den Ingenieuren von Mercedes High-Performance-Powertrains (HPP) zur Misskommunikation. Bei der Entwicklung des neuen Autos wählte McLaren zu kurze Getriebeübersetzungen. Die Entscheidung basierte auf der von Mercedes ursprünglich prognostizierten Leistungskurve. Später stellte sich jedoch heraus, dass diese Daten nicht mit der tatsächlichen Leistung des Antriebsstrangs übereinstimmten.

Seit Beginn der Saison 2026 äußerte McLaren immer wieder unterschwellige Kritik gegen den Mercedes-Motorenlieferanten.
Die Formel-1-Richtlinien geben vor, dass die Teams die Übersetzungsverhältnisse pro Saison ein einziges Mal ändern dürfen. Bislang hat McLaren darauf jedoch verzichtet, da die gewählte Abstimmung auf langsameren, weniger energieintensiven Strecken von Vorteil ist.
Trotzdem räumte McLaren-Technik-Direktor Neil Houldy ein: "Wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten, würden wir die Getriebeübersetzung anpassen, um näher an Mercedes heranzukommen." Der Grund dafür ist simpel: "Es gibt einige Leistungspotenziale, die wir nicht ausschöpfen können, weil die Übersetzungen zu kurz sind."
Versteckte Unzufriedenheit
Beim Silverstone-Wochenende machte McLaren-Teamchef Andrea Stella deutlich, dass der Mercedes-Antriebsstrang sehr performancestark sei. Es komme aber stark auf die richtigen Details bei der Nutzung an, um das volle Potenzial ausschöpfen zu können. "Es gibt aber definitiv auch noch weitere Faktoren, die wir mit Mercedes besprechen müssen. Denn wenn wir uns die Leistung auf den Geraden ansehen und dabei berücksichtigen, dass Mercedes möglicherweise weniger Luftwiderstand hat, wirft das bei uns immer noch Fragen auf", deutet der Italiener gegenüber "The Race" an.
In einem Interview während der Sommerpause äußerte sich Mark Temple, McLarens Technik-Direktor für Performance, zu der Kooperation mit Mercedes: "HPP arbeitet an einem Rennwochenende mit einem Hauptteam und einem Kundendienstteam zusammen. Wir pflegen eine enge Zusammenarbeit mit dem für uns zuständigen Kundenteam und haben auch gute Beziehungen zu den Beteiligten des Hauptprogramms. Dadurch können wir Einfluss auf die Abläufe im Hauptprogramm nehmen."
Laut Temple fällt das Mitspracherecht bei der allgemeinen Motoren-Konfiguration trotzdem zu klein aus: "Wir können nicht garantieren, dass unsere Wünsche erfüllt werden." Dasselbe gelte für den Zeitplan. "Im Vorfeld erhalten wir zwar Informationen von HPP, aber die Entscheidungen und Entwicklungen liegen nicht in unserem Einflussbereich. Sobald wir erfahren, welche Einstellungen wir erhalten, bleibt oft nicht mehr viel Zeit zum Reagieren", erklärt der Brite.

Werksteam Mercedes führt eine enge, exklusive Zusammenarbeit mit HPP bei der Entwicklung der anspruchsvollen Simulationswerkzeuge.
Die Rechtfertigung von Mercedes
Der stellvertretende Mercedes-Teamchef Bradley Lord reagierte auf die unterschwelligen Vorwürfe von McLaren: "Wo es zwangsläufig zur Wahrnehmung von Unterschieden gekommen sein könnte oder wo sich unsere Kunden möglicherweise einen Schritt zurückgeblieben gefühlt haben, ist bei den vielen Simulationswerkzeugen. Dabei geht es um die Fähigkeit, das Verhalten von unter anderem der Antriebseinheit und des Fahrgestells vorherzusagen."
Lord hält viele diese Informationen jedoch für vertraulich: "Viele dieser Instrumente haben wir nicht nur bei HPP in Brixworth, sondern auch in der Zusammenarbeit mit dem Chassis-Team von Mercedes entwickelt. Das technische Reglement der Formel 1 gibt sehr eindeutig vor, welches geistige Eigentum der Chassis-Truppe zwischen Teams geteilt werden darf und welches nicht."
Laut dem Briten müssen Kundenteams ihre eigenen Ressourcen im Rahmen der Budgetobergrenze investieren, um das Maximum aus dem Antriebsstrang herauszuholen.












