24 Stunden e-Competition Paravan Patrice Marker
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24H E-Competition im Space-Drive-ID.3 von Paravan

24H E-Competition im Space-Drive-ID.3 24 Stunden Stille

Normalerweise dröhnen auf dem Formel-1-Kurs in Hockenheim die Rennmotoren. Doch dieser Wettbewerb ist anders. 24 Stunden lang nicht Gas, sondern Strom geben, Schwung mitnehmen, Windschatten nutzen. Sogar ohne Lenksäule.

Ihr habt noch einen Startplatz frei? "Wenn du fahren willst, dann mach das! Du brauchst dich um nichts zu kümmern, ich organisiere das." Roland Arnold, visionärer Selfmade-Unternehmer, legt los. Noch vier Tage bis zur ADAC 24h e-competition, ich werde nachgenannt, das Reglement scheint simpel: Fahre so viele Runden wie möglich. Du hast 24 Stunden Zeit, darfst mit voller Batterie starten und mit 22 Kilowatt laden. "Wir treffen uns um 8 Uhr zur Fahrerbesprechung. Auch musst du ein paar Runden fahren, damit du dich an das Auto gewöhnen kannst."

Gewöhnen? Warum? Schließlich fahren die beiden VW ID.3 im Schaeffler-Paravan-Look komplett serienmäßig. Na ja, nur einer. "Du fährst natürlich auf dem Space-Drive-Auto, ist doch klar!", verfügt Roland. "Dann kannst du gleich schreiben, wie das funktioniert." Das Space-Drive-Auto hat keine Lenksäule. Das Lenkrad gibt die Steuerbefehle elektronisch weiter. Die Lenkung übernehmen Elektromotoren. Roland Arnold sieht für sein System eine große Zukunft: "Überleg mal: Das ganze Thema autonomes Fahren, Einparksysteme, dazu brauchst du einfach ein Steer-by-Wire-System. Und wir bauen das. Und du darfst das fahren!" Hm. So ganz ohne mechanische Verbindung vom Lenkrad zu den Rädern klingt irgendwie gefährlich. "In den Flieger steigst du doch auch ein, oder? Was meinst du, wie die steuern? So ein Jumbo – meinst du, die haben noch Bowdenzüge zu den Rudern?" Okay, ich mach das. Wenn es nicht klappt, lande ich im Kiesbett. Schließlich fahren wir ja auch langsam, denn es ist kein Rennen, sondern ein Effizienzwettbewerb.

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Feines Team: Taktikbesprechung bei den Space-Drivern.

Die Schaeffler-Paravan-Truppe hat die Taktik bereits berechnet. Da wir nur ein Ladegerät haben, müssen sich die beiden Autos beim Laden abwechseln. Einer muss schnell wieder reinkommen, also ungefähr nach einer Stunde, der andere darf sich mehr oder weniger leer orgeln und wird dann geladen.

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Schnell einstöpseln, sonst hast du verloren.

Unser Crew-Chef Thorsten brieft seine Fahrer: "Ihr habt fünf bar in den Reifen, auf dem Leistungsanzeiger klebt eine Marke, bitte nicht stärker beschleunigen. Wir fahren immer mit maximaler Rekuperation in der Grundeinstellung und nicht schneller als 100 km/h. Bitte also den Tempomaten so einstellen."

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Ganz wichtig: nur noch fünf Minuten bis zum Start.

Die Sause beginnt

Okay, es ist kein Rennen. Teamkollege Jochen Nerpel, im Hauptberuf der Geschäftsführer der Rennstrecke, will davon auch nichts wissen. "Das ist nicht mal eine Gleichmäßigkeitsfahrt, das sind Testfahrten." Die Aussicht, 24 Stunden lang maximal 100 Sachen zu fahren, scheint auch den drei weiteren Fahrern im Team fremd. Patrick Assenheimer, Christian Gruber und Andreas Wirth, allesamt echte Autorennfahrer, überlegen schon jetzt, wie sie sich die lange Zeit im Auto vertreiben.

Tesla Model 3 Spacedrive Paravan
Mobilitätsservices

Dann werden schließlich doch alle nervös. Die Startuhr zählt unerbittlich runter. Es bleibt noch ein wenig Zeit, die Konkurrenz zu beäugen. Gleich fünf Kia mischen mit, auch die neuen EV6. Das Feld vervollständigen ein Tesla Roadster, ein Tesla Model S, Hyundai Ioniq 5, VW e-Golf und Jaguar E-Pace. Porsche, BMW und Audi fehlen. Auch recht. Immerhin 17 Autos starten, als die Ampel auf Grün springt. Leise sausen sie an uns vorbei, kein Boxer bellt, kein V8 brüllt, keine Schaltknaller und kein Zwischengasstoß sind zu hören. Nur ein mehr oder weniger lautes Rauschen.

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Korrekt: Wer die Fahrerkarte nicht richtig ausfüllt, kriegt Ärger.

Schnell sortiert sich die Lage. Die beiden Schaeffler-Paravan-ID.3 geben sich prima Windschatten und halten sich im vorderen Mittelfeld auf, der kleine Tesla Roadster fährt mit vorne. Auch ein Hyundai Kona und ein Kia e-Niro scheinen ernsthaft am Gesamtsieg interessiert. Ganz hinten zockeln e-Golf und Renault Zoe, der Ioniq 5 rollt auf Winterreifen, selbst schuld.

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Nachts zeigt sich wahre Fahrkunst, denn Hockenheim besitzt kein Flutlicht. Noch 19 Stunden sind durchzuhalten.

"Du nimmst den zweiten und den letzten Stint, okay?" Crew-Chief Thorsten sagt an. Allerdings muss ich doch ziemlich lang warten, denn der ID.3 hängt noch eine gute Stunde am Kabel. Inzwischen fängt es heftig zu regnen an, ein Sturm zieht auf, fünf bar im Reifen, na danke. Vor dem Laden lagen wir auf dem dritten Platz, jetzt sind wir P12. Ich schnalle mich ins Auto, Funkgerät funktioniert. "Denk an die 20 km/h in der Boxengasse!" Thorsten hat recht. Kaum am Gas, rollt der ID.3 schon mit 22 km/h, jetzt bloß keine Strafzeit kassieren.

Der Sturm schiebt

Aus dem Landregen entwickelt sich ein Sturm. Bauen die Reifen schon im Regen wenig Grip auf, schüttelt der Wind mit harter Hand am VW- Gebälk. Das fordert. Richtung Spitzkehre herrscht Rückenwind. Selbst bei 105 km/h (sorry, Thorsten) muss ich kaum Gas geben, dafür kämpft sich der ID.3 mühsam die Zielgerade runter. Ich bleibe aber bei 22 kWh Verbrauch, wie vorgegeben. Langsam gewöhnt man sich daran, vor den Kurven genau so zu verzögern, dass maximal rekuperiert, aber nicht mechanisch gebremst wird. Und die elektrische Lenkung? Funktioniert bestens, unauffällig. Das Rückdrehmoment besorgen derzeit noch zwei Elektromotoren über Zahnriemen, fühlt sich fast normal an, nach einer Stunde ist das Thema vergessen.

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Wichtig: Fahrerkarte, sonst bist du raus.

Leider beginnt mich der Jaguar zu nerven. Auf der Geraden überholt er, in den Kurven steht er im Weg. Mühsam kämpfe ich mich vorbei, er kontert wieder Richtung Spitzkehre. Ich vergesse kurz unsere Renntaktik und besorge es ihm vor der Spitzkehre, endlich lässt er mich ziehen.

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Grauen am Morgen? Nein, herrlicher Sonnenaufgang. Der Space-Drive ID.3 schafft 255Runden, Platz 6.

Nach Plan rolle ich nach zwei Stunden in die Box, Fahrerkarte abgeben, P3, schlafen. Erst kurz vor Schluss bin ich wieder dran. Unser Team kämpft sich wacker durch die Nacht, irgendwie kassieren wir eine Durchfahrtsstrafe, und der Stromverbrauch unseres VW ist etwas gestiegen. Wir fallen hinter die Teamkollegen zurück. Vorne liegt schon uneinholbar der Tesla Roadster. Sie interessieren sich für den Umstieg auf ein Elektroauto? Dann haben wir hier die besten Privatleasing-Schnäppchen zusammengestellt.

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Patrice Marker
Freundlich: Sieger im Tesla Roadster, 280 Runden.

Endlich der letzte Stint. Reichweite passt, ich spare mir für die letzten Runden Strom, liege auf P6, die wollen wir halten. Schließlich muss die Auslaufrunde mitberechnet werden. Die letzten drei Runden fahre ich volle Pulle. Die Rundenzeit fällt um 30 Sekunden, aber das machen jetzt fast alle so. Nur der Jaguar eiert mit 20 Sachen über den Kurs. "Super! Du bist der erste Mensch, der mit einer elektrischen Lenkung ein 24-Stunden-Rennen beendet hat", freut sich Roland Arnold. Der Mann ist ein Genie, auch in Sachen Marketing.

Von der Schwäbischen Alb in die Welt

Ortstermin in Aichelau, zu den gut 200 Einwohnern des schmucken Dörfchens auf der Schwäbischen Alb kommen noch fast 200 Schaeffler-Paravan-Angestellte dazu. In den neu gebauten Hallen herrscht Betriebsamkeit. "Wir bauen lauter Einzelstücke, denn jede Behinderung ist einzigartig, und jeder Kunde soll bei uns bestens versorgt werden." Die Philosophie von Firmengründer Roland Arnold ist so hehr wie klar. Menschen mit Behinderung Mobilität zu geben, daran arbeitet Paravan seit vielen Jahren.

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Achim Hartmann
Chef: Paravan Gründer Roland Arnold.

Dafür entwickelten die findigen Schwaben eine elektronische Lenkung, die Gehandicapten erlaubt, per Joystick Autos zu steuern. Sogar einen Tesla Model 3 haben die Paravan-Leute zu Demonstrationszwecken umgerüstet.

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Achim Hartmann
Spacig: Tesla Model 3 ohne Lenkrad, dafür mit kleinem Joystick. Das 500-PS-Monster beschleunigt per Fingerschnippen.

Quasi als Nebenprodukt entwickelten sie ein bahnbrechendes, redundantes Steer-by-Wire-System. Zusammen mit dem Autozulieferer Schaeffler soll dieses zur Serienreife entwickelt und industrialisiert werden. Dazu stieg Schaeffler mit 90 Prozent Anteilen in ein gemeinsames Unternehmen mit Roland Arnold ein. Arnold selbst hat noch Großes vor. Der clevere Schwabe glaubt nicht nur an eine autonome Zukunft im Automobilbereich, er führt auch sein bisheriges Unternehmen konsequent weiter.

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