Fahrbericht VW ID.3 (2020)

Laden, sitzen, packen - was kann das E-Auto?

Dass VW mit einem als bunter Hund getarnten Prototypen des neuen ID.3 Werbung macht, ist auffällig. Dass wir das in Zwickau produzierten E-Auto schon fahren dürfen, ist super und dass Jogi gerade im Krankenhaus liegt nicht schön. Wie das alles zusammenhängt, lesen sie hier. Dazu im Video: der ID.3 im ausführlichen Innovationscheck und auf der Straße.

Man muss unserem Bundestrainer Jogi Löw nicht alles nachmachen – so eine Arterien-Quetschung kann sehr schmerzhaft sein – aber im Falle des VW ID.3 mussten wir es einfach tun. Denn unser Bundes-Jogi war bisher der einzige Nicht-VW-Mitarbeiter, der einen der ersten in Zwickau gebauten Vorserien-VW ID.3 fahren durfte. Und jetzt also wir. Ganz ehrlich, mit dieser Silber-Medaille können wir sehr gut leben.

Das Cockpit ist noch tabu

Apropos silber, im Meer dieser bei deutschen Auto-Käufern sehr beliebten Farbe – die sieht nicht so schnell schmutzig aus, sie wissen schon – wirkt der ID.3 mit seiner quietschbunten Tarn-Lackierung wie ein Punker auf dem Betriebsfest der Kreissparkasse Wolfsburg Süd. Nun müsste man meinen, die Wolfsburger seien VW-Prototypen gewohnt, aber der ID.3 reißt auch den für überschwängliche Gefühlsregungen nicht so bekannten Niedersachsen große Augen ins Gesicht. Smartphones werden gezückt, Kind, Kegel und Hund unsanft gestoppt. Quasi gleichzeitig zieht der im ID.3 mitfahrende VW-Techniker erschrocken ein Tarntuch über das Armaturenbrett. Das darf bis zur IAA noch keiner sehen. Von wegen Innovationen und so. Mit etwas Phantasie und Kenntnis der aktuellen Smartphone-Landschaft kann sich allerdings jeder schon mal ein passendes Infotainment-Bild im Kopf malen. Aber denken sie nicht zu viel an Tesla.

Dass der Wolfsburger sich plötzlich emotionalisiert ist nicht verwunderlich: Wie würden sie reagieren, wenn die letzten Jahre bei ihrem Arbeitgeber eher düster waren und plötzlich dessen Zukunft in quietschbunt durch die Straßen fährt? Eine Zukunft, die teuer ist und funktionieren muss. Für VW, den Verein, das Reihenhaus und irgendwie auch für ganz Deutschland.

Neuer Antrieb, andere Sitzposition

Innen im ID sieht es dagegen wieder dunkel aus, weil eben ganz viel Tarnstoff noch ganz viel verdeckt. Unter anderem sogar Lenkrad und den Tacho. Beides für den regelkonformen Fahrbetrieb recht essenzielle Dinge. Und deshalb raus mit dem ID auf die zuschauerärmere Landstraße. Ein paar Meter ruhige Anlernphase tun einem Prototypen und dem mitfahrenden Ingenieur gut. Der erzählt dabei, was bei dem Prototypen alles noch nicht fertig ist und noch Probleme machen könnte. Wir wissen Bescheid: Nicht durchgebackener Kuchen schmeckt schon lecker, kann aber Bauchweh machen.

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Die Sitzposition im VW ID ist anders, also anders als im Golf. In der alten Welt sitzt der Fahrer etwas höher am Po und etwas niedriger an den Füßen, in der neuen ist es umgekehrt. Die vordere Kopffreiheit ist für jeden unter 1,95 m ausreichend, das Lenkrad liegt klasse in der Hand und der Tacho ist – so das Tuch entfernt wurde – exzellent ablesbar. Abgesehen von den üblichen Nickligkeiten eines Prototypen gestaltet sich der Wechsel in die verschiedenen Fahr- und Rekuperationsmodi intuitiv. Wobei es immer noch befremdlich ist, dass auch bei Elektroautos vom Aktivieren einer Zündung gesprochen wird. Da soll bitteschön gar nichts zünden.

Flott, aber nicht rasant, leise, aber kaum gedämmt

Auf den Punkt dosierbar und mit gleichmäßiger Kraftentfaltung setzt sich der bunte Elektro-Hund in Bewegung. An dieser Stelle folgt normalerweise der Hinweis darauf, dass Elektroautos ja alle so wunderbar leise sind. Sind sie gar nicht. Spätestens der ultraleise Mercedes EQC zeigt, dass es bisher auch ganz schön laute Stromer gab. Klar, der E-Motor ist oft kaum zu hören, aber dafür wirken Wind-und Abrollgeräusche umso präsenter, weil sie eben nicht vom Brummes eines Verbrenners maskiert werden. Der ID ist auch in diesem Stadium akustisch sehr dezent. Vom Elektromotor dringt kein Sirren an die Vordersitze. Auch deshalb, weil er so weit weg an der Hinterachse sitzt und erst ab 100 km/h säuselt der Wind leicht an der A-Säule. Trotzdem möchte der VW-Ingenieur nicht unerwähnt lassen, dass dieser ID das volle Akustik- und Dämmpaket noch gar nicht verbaut hat. Gut, dann wird er in der Serie wohl nochmal ruhiger. Wir werden es prüfen.

VW I.D. Sperrfrist 16.12.2018 00:00 Uhr MEZ
Ingo Barenschee
Im Dezember 2018 konnte auto motor und sport-Redakteur Jens Dralle schon mal erste Fahreindrücke im VW ID.3 in Südarfrika sammlen. Damals hieß der Wagen noch I.D.

Nun lässt die Straße einen beherzten Tritt aufs Fahrpedal zu. Alle, die jetzt schon mal in Erwartung teslaesker Beschleunigungsorgien die Pomuskeln zusammenkneifen, können entspannen. Der ID.3 zieht in der stärksten Leistungsvariante mit 150 kW (204 PS in alter Währung) nicht wie ein Windhund im Blutrausch an der Leine, sondern setzt sich mit Druck aber ohne brutale Hektik in Bewegung. Ganz klar: Er ist kein Tesla Model 3-Jäger, was auch seine prognostizierte 0-100 km/h Beschleunigung von unter acht Sekunden unterstreicht. Trotzdem macht es Spaß, den 310 Nm-Kick der E-Maschine immer wieder abzurufen und zu spüren, wie es der Synchronmotor mit Permanent-Magneten (Neodym) schafft, auch bei höherem Tempo noch Druck aufzubauen. Die Maschine dreht jetzt bis zu 16.000/min und bringt den Kompaktwagen auf 160 km/h. Das Pendant im alten e-Golf schaffte nur 12.000/min und 150 km/h.

Agil, aber (noch) nicht komfortabel

Dazu passt das solide Fahrwerk mit seiner klassenüblichen McPherson-Aufhängung vorne und Fünflenker-Konstruktion an der Hinterachse. Das interessante an gut konzeptionierten Elektroautos ist, dass sie sich trotz des relativ hohen Gewichts – in diesem Fall circa 1,6 Tonnen – so fahren, als wögen sie 300 bis 400 kg weniger. Denn das Gewicht des von uns pilotierten 58-kWh-Akkus (62 kWh brutto) sitzt ja tief im Unterboden und zieht damit den Schwerpunkt runter. Mit geringer Seitenneigung und Agilität zoomt sich der ID.3 in Kurven rein. Sicher auch ein Verdienst der auf diesem Auto monströs wirkenden 20-Zoll-Räder mit Bridgestone Potenza-Bereifung. Zum Glück kein ausgesprochen rollwiderstandsarmer Pneu mit dem Fahr- und Bremsverhalten eines mittelwarmen Camembert, sondern ein Reifen, der auch fahren und nicht nur sparen will.

VW ID.3 Fahrbericht
Benjamin Brodbeck
Beim Federungskomfort ist der Prototyp noch nicht auf Serienstand.

Tock, tock unterbrechen die ersten härteren Querfugen den Fahrfluss. Hatte der ID bisher mit gutem Komfort überzeugt, nimmt er diese doch zu holzig. Um in der Relation zu bleiben: Es gibt amerikanische Elektroautos, die holzen in der Serie härter, aber von einem VW erwartet man mehr Sanftmut. Der VW-Ingenieur gibt zu, dass das Fahrwerk in der Tat noch zu straff ist und man da noch noch optimieren werde. Das Problem ist also erkannt. Wir werden uns bei der Serienversion daran erinnern.

Sparsam, reichweitenstark, gute Ladeleistung

VW I.D. Sperrfrist 16.12.2018 00:00 Uhr MEZ
Erste Fahrt von Jens Dralle im getarnten VW ID.3
2:36 Min.

Das Bremspedalgefühl, das aufgrund der Rekuperation simuliert wird, ist dagegen noch etwas zu weich bei harten Bremsungen. Dieses Mal darf gerne der Druckpunkt eines kühlen Harzer Käse zur Vorstellung dienen. Aber hei: Das ist Vorserien-Kleinkram.

Übrigens rekuperiert der ID.3 mit bis zu 0,2 g. Das ist ein üblicher Wert. Ein Audi e-tron schafft sogar 0,3 g, rekuperiert aber auch zusätzlich über die Vorderachse. Ein Auto mit Heckantrieb – also wirklich echter Heckantrieb mit Motor hinten – hat es da der Physik folgend, etwas schwerer. Dafür fährt der VW ID voraussichtlich um Welten sparsamer als ein e-tron. Aus seinem 58 kWh (netto) Akku holt er offiziell auf dem WLTP-Prüflauf 420 km Reichweite. Der Audi SUV erreicht mit 95 kWh (brutto) nur 417 km. Intern verbraucht der ID 13,8 kWh pro 100 km an Strom. Ein sehr niedriger Wert. Auch ein Verdienst des geringen cw-Wert von 0,26 – wobei ein Tesla Model 3 mit 0,23 noch besser im Wind liegt. An der Steckdose dürften der ID.3 mit Ladeverlusten dann ca. 14,8 kWh/100 km brauchen. Sie sagen, das sei doch alles nur graue Prüfstands-Theorie? Richtig, deshalb hier eine Übersetzung in die bunte reale ID-Welt: Auch im Winter mit Heizung ist mit Reichweiten von über 300 km zu rechnen. Wobei es ein besonders effizientes Wärmepumpensystem wohl nicht für jede ID-Version serienmäßig geben wird. Der Akku selbst ist – wie es sich bei einem guten Elektroauto gehört – mit einem aktiven Thermomanagement versehen.

Kommen wir noch zum Laden. Die gute Nachricht: Der ID.3 lässt sich mit bis zu 125 kW an einer modernen Gleichstrom-Ladestation aufbauen. Die schlechte Nachricht: Dieses besonders schnelle Gleichstrom-Ladenetz befindet sich gerade noch im Aufbau und in vielen Fällen muss der ID-Fahrer noch an alten 50 kW-Stationen Strom nuckeln lassen. Außerdem gibt es die 125 kW-Leistung nur für den großen 77 kWh-Akku (550 km WLTP). Der kleine und mittlere Akku laden mit maximal 100 kW. Trotzdem sollen damit bis zu 260 km Reichweite in einer halben Stunde ins Auto fließen. Der wichtigere Wert als die reine Leistung und beileibe kein schlechter. An Wechselstrom zieht der kleinste Akku 7,2 kW und die größeren 11 kW Lade-Leistung.

Gutes Raumangebot, aber nicht für Sitzriesen

Bleibt noch das Interieur. Nein, wir dürfen immer noch nicht die Tarnung wegziehen – der VW-Ingenieur ist groß, stark und er hat den Schlüssel. Aber wir dürfen auch hinten sitzen und – Tataaa – den Kofferraum aufmachen.

Also ganz von hinten: Natürlich hat uns VW keine offizielle Literzahl für das Kofferraumvolumen mitgeteilt, aber es soll größer als beim Golf sein, wird von einem doppelten Boden unterteilt und sieht irgendwie nach 380-390 Liter Volumen auf. Ironie der Geschichte: Das E-Auto ID.3 hat in dieser Variante keine elektrische Heckklappe – kostet wohl Aufpreis. Auf der Rücksitzbank sitzt es sich untenrum luftig mit viel Kniefreiheit, keinem Kardantunnel und ausreichender Beinauflage. Obenrum könnte es ab 1,90 m Körpergröße schon mal etwas enger um den Schopf werden. Obwohl der ID außen kleiner als ein Golf ist, wirkt er innen eher geräumiger.

VW ID.3 Fahrbericht
Benjamin Brodbeck
auto motor und sport-Redakteur Alexander Bloch kam auf Anhieb gut mit dem Vorserien ID.3 klar.

Fazit

Der VW ID.3 ist selbst als Vorserienfahrzeug ein sehr gelungenes Elektroauto, das Lust auf mehr macht. VW ist bekanntlich nicht der schnellste Hersteller wenn es um das Besetzen von Fahrzeugsparten geht. Der Touran kam spät, der Tiguan auch. Aber dann haben die Modelle richtig gut funktioniert – das könnte beim ID.3 wieder so sein.

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VW ID.3
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