In Silverstone hatten die Kritiker des neuen Formel-1-Reglements schon eine große Pleite prophezeit. Am Ende fanden es die Fahrer dann aber doch nicht so schlimm, wie befürchtet. Der Energie-Mangel konnte durch clevere Ladestrategien einigermaßen kompensiert werden. Der Großteil der Highlight-Kurven blieb weiterhin fahrerisch anspruchsvoll.
In Belgien ist das nun nicht mehr der Fall. Die Highspeed-Achterbahn in den Ardennen legt den Finger besonders tief in die Wunde. Lange Geraden saugen die Energie erbarmungslos aus den Batterien. Weit vor den Bremspunkten geht den Fahrern der Saft aus. Drei Mal pro Runde stehen nur noch die rund 550 Verbrenner-PS zur Verfügung.
Aus früheren Mutproben werden plötzlich Bummelpassagen, in denen die Piloten sogar einen Gang runterschalten müssen. "In Blanchimont stürzen wir von 320 km/h auf 270 km/h ab, weil die Batterie leer ist", schüttelte Lando Norris ungläubig mit dem Kopf. Die Fahrer stehen voll auf dem Gas, aber die Geschwindigkeitsanzeige sinkt vor der Bus-Stop-Schikane immer weiter in den Keller.

Vor der Eau Rouge wird das Tempo gedrosselt, damit oben auf dem Berg mehr Energie übrig ist.
Tempo drosseln vor Eau Rouge
Eau Rouge war schon lange keine Herausforderung mehr, weil der Abtrieb der modernen Formel-1-Autos die Rechts-Links-Kombination zu einer Vollgas-Passage gemacht hat. Von Vollgas ist an der spektakulärsten Stelle der Strecke nun aber nichts mehr zu spüren. Um Energie für den Rest der Bergauf-Geraden zu bunkern, geht das Tempo vor Kurve 3 von 315 auf 280 km/h runter.
Je nach Ladestrategie variieren die Punkte stark, wo die Geschwindigkeit gedrosselt wird. Es gibt aber keine Strategie, mit der die Fahrer glücklich wären. "Auf den Geraden stirbt der Motor einfach", klagt selbst Lewis Hamilton, der zu Beginn der Saison noch viel Lob für die neuen Autos übrig hatte. "Ich weiß nicht, wie man das in der Zukunft ändern kann, aber hoffe inständig, dass es geht."
In den letzten Jahren wurde Puhon zur größten Mutprobe in Spa. Hier passten Radius, Geschwindigkeit und Abtrieb noch so perfekt zusammen, dass die Fahrer die Linie perfekt treffen mussten. Die Doppel-Links, bestehend aus den Kurven 10 und 11, konnte im Idealfall mit rund 290 km/h ohne Lupfen genommen werden – wenn alles passte. Dabei drückte es die Piloten mit rund 5G seitlich in die Sitzschale.

Im kurvigen Mittelsektor wird versucht, so viel Energie wie möglich geladen. Es reicht trotzdem nicht für die lange Vollgaspassage im dritten Abschnitt.
Lupfen vor Puhon-Doppel-Links
Hier zeigen aktuelle Telemetriedaten vom Trainingsfreitag, dass jetzt alle Autos am Eingang der Passage deutlich an Tempo verlieren. Je nach Ladestrategie geht es anschließend mit nur noch 260 bis 270 km/h aus T11 heraus. Man kann sagen, dass Puhon regelrecht kastriert wurde. Nicht die Piloten bestimmen, wie schnell in den Kurven gefahren werden darf, sondern die Ingenieure.
"Die Energiesituation ist so schwierig. Nach der Eau Rouge ist die Energie praktisch schon weg, dann müssen wir von T5 bis T8, von T9 bis 10 und von T11 bis T12 laden. Die gewonnene Energie hauen wir dann in Richtung Blanchimont wieder raus", berichtete Liam Lawson nach den ersten Proberunden.
Der Racing-Bulls-Pilot spricht aus, was viele Piloten denken: "Dieses Spa fühlt sich ganz anders an. Es ist das schlimmste Gefühl bisher in dieser Saison, selbst in Silverstone war es besser. In den Nachwuchsserien stand dieser Kurs für mich immer für Attacke. Das ist jetzt vorbei."

Das rote Licht leuchtet immer, wenn nicht die maximale Leistung von Verbrenner und MGU-K zur Verfügung steht.
Spa ist das Worst-Case-Szenario
Natürlich ist das Fahrer-Feedback nicht der entscheidende Faktor, für die gute Unterhaltung der Fans. Wenn legendäre Kurven aber nur noch mit Halbgas durchfahren werden und eine Strecke komplett ihren Reiz verliert, dann sollte man das in der Formel-1-Zentrale nicht einfach ignorieren. Die für 2027 und 2028 verabschiedeten Änderungen dürften das Problem lindern. Auf einer extremen Strecke wie Spa ist das aber wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
"Es ist typisch für 2026. Nichts, was mich wirklich überrascht", zuckte Ollie Bearman mit dem Schultern. "In Spa haben wir das Worst-Case-Szenario durch den Mix aus Streckenlänge und fehlender Energie. Im Rennmodus wird das superlangweilig. Es macht einfach keinen Spaß, deswegen freue ich mich bereits auf Budapest. "












