Die Erwartungen an die Scuderia waren riesig. Durch den smarten Erfolg von Lewis Hamilton in Barcelona und die erste Stufe der ADUO-Motornachbesserung im Spielberg-Gepäck lag der Fokus von Beginn an auf Ferrari. Doch Frédéric Vasseurs Truppe wies eine Favoritenrolle frühzeitig zurück. Denn die Vollgas-Strecke liege dem Auto nicht – selbst mit rund fünf Extra-PS.
Dass man am Trainingsfreitag dann allerdings hinter McLaren und sogar hinter Max Verstappen zurückfiel, sorgte für Kopfschmerzen. Auf der von der Rundenzeit kürzesten Strecke des Jahres war Mercedes um riesige sechs Zehntel enteilt. Einen Tag später sah die italienische Welt schon wieder besser aus.
Charles Leclerc holte sich die zweite Startposition, hinter ihm landete Kollege Lewis Hamilton. Beide profitierten am Ende des letzten Qualifying-Segments von Max Verstappens Crash. Der Niederländer hatte in der vorletzten Kurve die Kontrolle über seinen Red Bull verloren, und blieb nach einem Einschlag im Kiesbett vergraben. Durch die davon provozierte gelbe Flagge wurde Kimi Antonellis Zeitenjagd behindert. Kollege George Russell mogelte sich dank cleveren Lupfens auf die Pole-Position. Hier zeigt sich der Erfahrungsunterschied.
Ferrari-Duo bremst Erwartungen
Über die kontroversen Umstände der letzten Minuten macht sich Charles Leclerc keine Gedanken. Der Zweite bilanziert: "Das Auto fühlt sich gut an. Wir geben als Team alles im Moment und sehen dadurch jetzt das Ergebnis. Grundsätzlich haderte ich im Qualifying, denn ich hatte durchgängig Schwierigkeiten mit meinen Bremsen. Trotzdem war der Tag wichtig für mich. Ich gewinne Vertrauen in das Auto."
Vor allem der Gegensatz zum misslungenen Freitag beruhigt den Monegassen. "Gestern lief es nicht gut bei uns, der Sprung jetzt hat uns schon positiv überrascht. Ich weiß nicht, ob wir das so morgen fortsetzen können. Doch wir würden die Chance nutzen, wenn sie sich ergibt." Lewis Hamilton sieht ebenfalls noch viel Potenzial bei den Bremsen. Er teilt die Bedenken von Leclerc hinsichtlich eines weiteren Sprungs am Sonntag.
Gleichzeitig deutet er eine Stärke von Ferrari an: "Die Wege zu den ersten Kurven sind morgen lang." Selbst bei der Höhenluft der Alpen wirkt der Vorteil des kleineren Turboladers. Sollten die Roten ihren Pole-Rivalen Russell früh überwinden und Antonelli wieder einen mittelmäßigen Start erwischen, könnte viel gehen.

George Russell erklomm den Pole-Gipfel. Im Rennen könnten ihm die Ferrari das Leben schwermachen.
Kein Spanien 2.0 bei der Taktik
Der zweite Hoffnungsträger stammt von Pirelli. Ein guter Umgang mit den Reifen verhalf Lewis Hamilton schon in Spanien zum Triumph. Die Landsmänner und -frauen erwarten am Sonntag (28.6.) eine Mehrheit von Zwei-Stopp-Taktiken. Den Ein-Stopper sieht Motorsportdirektor Dario Marrafuschi als unwahrscheinlich an. Wer ihn wagt, muss auf den weichen Roten lossprinten.
"Bei einem normalen Rennverlauf haben die Drei-Stopper allerdings fünf Sekunden gutzumachen. Medium, Hart und Hart sind laut der Theorie das beste Trio", erzählt der Pirelli-Mann. Hier könnte noch ein dritter Vorteil den Ferrari helfen. Lewis Hamilton blickt voraus: "Hoffentlich können wir bei der Strategie zusammenarbeiten und so Druck auf Mercedes ausüben."
Die letzten Worte gehören Teamboss Vasseur: "Wir erwarten, dass die Temperaturen sehr hoch bleiben, was bedeutet, dass das Reifenmanagement ein Schlüsselfaktor sein wird. Die richtigen strategischen Entscheidungen zu treffen und die Reifen über die gesamte Renndistanz zu managen, wird entscheidend sein, wenn wir die heute erarbeiteten starken Startpositionen bestmöglich nutzen wollen." So ähnlich klang er bereits in Barcelona.












